Signalstörung – ein Fragment

Dieser Text wurde 1996 als bestes Drehbuch mit dem Hessischen Filmpreis ausgezeichnet

Thomas G.A. Mank für J.S.

Einleitung

Der Titel Signalstörung ist einem Satz entnommen, mit dem per Lautsprecher der Zugführer eines ICEs einen technischen Ausfall und den damit verbundenen Stillstand des Zuges auf offener Strecke entschuldigte. Während der Zug für eine ganze Weile nicht fahren konnte, drehten sich die gewohnten Verhältnisse gleichsam um: Stillstehend wurde der Zug zum unbewegten Teil einer Landschaft, die von den Reisenden ansonsten als vorbeiziehende erlebt werden würde, während wir Passagiere, die ansonsten uns selbst während einer Fahrt subjektiv als unbewegt erleben, nunmehr unruhig wurden, uns bewegten, liefen, suchten. Diese Unruhe endete erst, als der Zug weiter fuhr, somit die gewohnte Ordnung wieder hergestellt worden war.

Im folgenden Manuskript wird dieser Vorfall nicht auftauchen, er ist durch die Titelgebung als Metapher für das Innen und Außen, für die Umkehrung in einer subjektiven Wahrnehmung vermerkt.

Anlaß und Thema des Textes war die AIDS-Erkrankung meines besten Freundes. Als ich im September 1995 den ersten Entwurf, zunächst noch unter dem Arbeitstitel Haus 68 oder Turbo-Tod niederschrieb, geschah dies unter dem Eindruck seiner ersten ambulanten Behandlung in der AIDS-Station der Frankfurter Uniklinik, genannt Haus 68, wie sie in Folge einer akuten CMV-Infektion nötig geworden war.

Aus der ursprünglichen Idee einer quasi dokumentarischen Collage als formale Umsetzung einer tiefergehenden persönlichen Erfahrung entwickelte ich den weiterführenden Gedanken, AIDS als Metapher für das Gegensatzpaar Innen und dem Außen zu erkennen. Dieses Gegensatzpaar, daß in seiner grammatikalischen Darstellung so vielfach verwendet und einfach zu sein scheint, benennt das Dilemma einer jeden Existenz, jeglichen Zustands. Jedem Ding, und somit auch jedem Menschen, kann immer nur eine von beiden Positionen zugeordnet werden. Die subjektiv wahrgenommene Position ist naturgemäß die des Innen, alles und jeder andere ist somit Außen. Kommunikation, gleich welcher Art, ist ein mehr oder weniger erfolgreicher Austausch zwischen diesen beiden Positionen.

Die Krankheit AIDS berührt in diesem Zusammenhang zwei besonders dramatische Aspekte: Sexualität und Tod. Beides sind Gegebenheiten, eine Umkehrung von Innen und dem Außen konkret zu erfahren (Ich lasse die religiöse oder spiritistische Erfahrung als dritte Möglichkeit hier außer acht). Im sexuellen Akt können wir eine andere Person erleben, indem wir unsere physische und intellektuelle Subjektivität für den Moment überwinden. Biologisch enthält dieser Moment die Weitergabe von Informationen. Hierin ähnelt die Sexualität der Sprache; das gesprochene Wort als Information aus uns heraus zu jemand anderem.

Die zweite Gegebenheit, der Tod, ist die endgültige Umkehrung der Zuordnung Innen und Außen; mit dem Tod endet unser subjektives Leben, und da unsere Wahrnehmung daran gebunden ist, verändert sich auch unsere Position – wir sind aus dem Leben, Bewegung geht in Stillstand. Ähnlich wie die sexuelle Erfahrung ist diese kaum kommunizierbar, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Nicht umsonst wird der Orgasmus auch petit mort genannt, der kleine Tod.

Mit AIDS kombinieren sich Sexualität und Tod zu einem tragischen Resultat: Mehrheitlich wird das HI-Virus beim Geschlechtsakt übertragen, statt Leben wird nun Tod gezeugt. Darüber hinaus funktioniert das Virus Anteile des Immunsystems des infizierten Körpers zur eigenen Reproduktion um. Dadurch wird der Schutzwall brüchig, der die biologische Einheit des Körpers vor Eindringlingen schützt. Metaphorisch ausgedrückt wird das Innen dem Außen ausgeliefert. Die Folge sind Krankheit und Tod.

Diese unmittelbare Verknüpfung von Sexualität und Tod, von Innen und dem Außen im beschriebenen Sinn, unterscheidet AIDS von anderen, nicht minder tödlich verlaufenden Krankheiten. Hinzu kommt ein dritter Aspekt, der, zumindestens bezogen auf die westliche Welt, wiederum das Merkmal einer Umkehrung enthält: Die gesellschaftlich-soziale Funktion, die dieser Krankheit weit mehr zu eigen ist als einer vergleichbaren Krankheit in diesem Jahrhundert.

AIDS wird instrumentalisiert, um das Sexualverhalten der Schwulen, mithin die Homosexualität grundsätzlich, erneut zu stigmatisieren. Im Lebenswandel und dem Umgang mit Beziehungen wird der Hauptgrund einer Infektion erkannt, mit anderen Worten: Die Schwulen sind selbst schuld und tragen das Übel in die Welt. Hinter der vordergründigen Angst vor der Krankheit verbirgt sich kaum verhohlen die Angst und Aggression gegen eine andere Lebenskonzeption, was in ähnlicher Weise für den Umgang mit infizierten Drogensüchtigen und Prostituierten gilt. Infizierte Bluter werden ausgenommen, denn sie gelten als unschuldig). Damit ist AIDS der Vorwand, die gesellschaftliche Entwicklung, die seit den 60er Jahren in den westlichen Zivilisationen eine Aufweichung des reglementierten Sexualverhaltens bewirkt hat, umzukehren. AIDS ist das Instrument, die sexuelle Freizügigkeit ihres revolutionären Potentials zu entledigen. Anstatt neue Beziehungsformen (weiter-) zu entwickeln, die möglicherweise nicht mehr innerhalb des gesellschaftlich vorgegebenen und ökonomisch gewünschten Rahmens bestehen, werden auf Homosexualität und Promiskuität entweder die alten Vorurteile angewendet, oder aber der Versuch unternommen, diese Beziehungen nunmehr in den allgemeinen gesellschaftlich-ökonomischen Kontext zu integrieren, d.h. gleichsam zu nivellieren. So jedenfalls können die positive Überhöhung von Monogamie und die Forderung nach der gleichgeschlechtlichen Ehe auch verstanden werden.

Daneben aber evoziert AIDS auch eine starke soziale Entwicklung in der Solidarität mit Kranken und Sterbenden, der Notwendigkeit, von der Gesellschaft finanzielle und medizinische Unterstützung massiv einzufordern und aus der Trauer um die Toten.

Dieses letzte, das soziale Moment, war Ausgangspunkt für das Projekt Signalstörung. Um mehr über Menschen und Handlungen zu erfahren, nahm ich eine ehrenamtliche Arbeit bei der Frankfurter AIDS-Hilfe an und lernte zahlreiche Personen kennen, die unmittelbar oder mittelbar von AIDS betroffen sind. Nach wie vor beeindruckt von der besonderen Art des Umgangs miteinander mußte ich aber rasch erkennen, daß AIDS nicht ein Faktor ist, der alle gleich macht, und somit Zustände herstellt, die objektiv darstellbar wären, im Gegenteil. Aus der Komplexität des Themas mußte ich die Frage entwickeln:

Was will, was kann und wie kann ich empfindsam machen?

Die Antwort ist zunächst eine negative; ich strebe keine auch nur annähernd objektive Darstellung einer Situation an, denn das hieße eine Auswahl treffen, und das Ausgewählte wäre lediglich Beispiel. Als Konsequenz daraus tritt anstelle des vermeintlich Objektiven das bewußt Subjektive hervor. Da mir der Zugriff auf die Subjektivität einer anderen Person, bzw. auf eine Situation, in der ich mich nicht befinde, verwehrt bleiben muß, kann auch diese Darstellung nur Fragment sein. Um aber aus dem Fragmentarischen ein Ganzes zu erahnen, ist die meiner Ansicht nach die Form der Collage und der Assoziation.

Ich beschäftigte mich nunmehr weniger intensiv mit dem Sammeln von Daten und Fakten verschiedenster Zustände und Einzelschicksale, sondern konzentrierte mich auf eine einzige Person, die mein bester Freund seit vielen Jahren ist. Unser beider künstlerischer Werdegang ist eng miteinander verknüpft, und diese Tatsache ermöglichte den Austausch in einer außergewöhnlichen Intimität und Intensität. Nur so konnte es sein, daß ich die Krankheit AIDS als solche nach und nach in den Hintergrund treten lassen konnte zugunsten von Biographischem und der Überlegungen, die ich eingangs ausgeführt habe.

Das vorliegende Ergebnis ist eine Collage aus Eindrücken, Gesprächen und Stimmungen, die in ihrer Gesamtheit einen intensiveren Eindruck eines Menschen vermitteln, als es die scheinbar objektive Darstellung von Sachverhältnissen über viele Menschen vermag.

Auf eine zusätzliche Bildbeschreibung habe ich im Text verzichtet. Dazu sei bemerkt, daß die Töne für ein geplantes Hörspiel in gleicher Weise wie der Text entstehen sollen: Collagen aus Alltagseindrücken und Persönlichem, die assoziativ zum jeweiligen Schwerpunkt eines Textteils entwickelt werden. Der Text selbst wird dazu von mehreren Personen gesprochen, d.h. laut gesagt, gemurmelt, übereinandergelagert, etc.. Ergänzt wird der Text hin zu einer Art ‚linguistischen Montage‘ durch Satzfragmente aus dem Alltagsgeschehen, d.i. Werbetexte, Nachrichtenteile, Zitate. Dieses ist bereits im hier vorliegenden Manuskript an einigen Stellen angedeutet. Als drittes tragendes Element kommt die Musik hinzu, die vom Komponisten Bernd Schultheis auf den Text hin verfaßt werden wird. Musik und der Text, hier dann gleichsam als Libretto, formulieren und tragen den Rhythmus des dramaturgischen Verlaufs.

wittgenstein, ludwig, brief an ludwig von ficker: ich wollte nämlich schreiben, mein werk bestehe aus zwei teilen: aus dem, was hier vorliegt, und aus alledem, was ich nicht geschrieben habe. und gerade dieser zweite teil ist der wichtige.

Thomas G.A. Mank

 

I. Offenbach

DEVENTTER (dpa). Die niederländische Polizei hat vor einem Mann gewarnt, der sich an der Haustür als Friseur auf der Suche nach Modellen ausgibt und seine Dienste gratis anbietet. Die Resultate seien oft wenig zufriedenstellend, das Verhalten aber nicht strafbar.

I.1 Als er auf die Welt kommt in der Privatklinik Dr. Rau und wie er aufwächst. Wer der Opi ist und wer die Mutti.

Kindheit! In den Bauch der Mutter gezeugt Ende der fünfziger Jahre, Wirtschaftswunderzeit. Vater auf der Flucht oder unbekannt. Uneheliche Geburt in Offenbach am Main, Privatklinik Dr. Rau. Seit Mitte der 70er Jahre steht dort ein Hochhauskomplex.

Die Mutti lebt schon immer in Offenbach, das waren dann schon knapp 20 Jahre, bis auf eine Zeit während des Krieges, wo sie nach Simbach am Inn ausgelagert wird. Ihre Mutter fällt kriegsbedingt aus und der Vater hat sich nie mehr um die kleine Tochter gekümmert. Deshalb kommt sie zum Onkel mütterlicherseits. Da wird gewohnt, dort wird sie aufgenommen. Dort leben der Onkel, seine Frau und die spätere Mutti in einer großen Wohnung im Offenbacher Westend.

Haus 68: Das Gebäude selbst liegt auf dem weiten Areal der Klinik etwas abseits, die modernistische Architektur erinnert an einen Bauhaus-Pavillion. Das Haus ist zwei Stockwerke hoch und macht nicht den Eindruck einer Krankenstation. Im Gegenteil, das Gebäude wird umlaufen von einer durchgehenden Balkon, auf dem sich die Kranken mit Blick über eine Grünfläche der Sonne hingeben können. So wirkt Haus 68 auf den flüchtigen Betrachter wie ein Privatsanatorium, ein Ort der Erholung. Die räumliche Isolation der Abteilung entspricht aber nicht dem Bedürfnis der Patienten nach Ruhe; hier war die Isolierstation für Tuberkulose-Kranke untergebracht, die aus Gründen der Quarantäne vom übrigen Betrieb absentiert wurden. Diese Bedingungen erschienen 1984 für die an der geheimnisvollen Krankheit AIDS Erkrankten angebracht.

Das Wohnhaus des Onkels stammt aus der Gründerzeit. Das alte Gebäude steht an einer Straßenkreuzung. Schräg gegenüber befindet sich nun eine moderne Wohnanlage mit Eigentumsappartments. Auf der anderen Seite ist die Apotheke, neben dem Haus, ein Stück weiter das Wetteramt Offenbach. Alles ist von tristem Grün umgeben. Im Eingang des Hauses heute ein neuer Fußboden. Hier war früher das Mosaik mit der Inschrift SALVE. Das Kind kommt am 25. Februar 1960 dazu.

Es ist ein Junge. Der jungen Mutti geht es in diesen Jahren nicht gut, sie versteht sich mit dem Onkel nicht, der jetzt der Opi genannt wird in Ermangelung des biologischen Originals. Der Opi ist kein ein böser Mensch, nur ein sehr strenger. Nicht dem Jungen gegenüber, denn der ist ein Junge und für den Jungen war Opi der Gute, für die Mutter der Böse, und der Junge will lieber bei ihm sein, das ist schmerzlich für die Mutter, die Gefühle des Jungen werden immer hin- und hergerissen. Es ist besser für ihn, nichts zu sagen.

Ich selbst kann nicht reagieren. Etwas lähmt mich

I.2 vorhang auf ich komme abends von einer reise zurück ein telefonanruf es heißt er hat aids ich lege auf und weine und gehe zu den anderen wir können es nicht fassen und weinen gemeinsam.

Vom Opi ist die wilhelminische Lebensführung, erster Weltkrieg.

trakl, georg, aphorismus I: nur dem, der das glück verachtet, wird erkenntnis.

Zum Waschen morgens das kalte Wasser in der blauen Schüssel aus Emaille fürs Gesicht und einmal in der Woche das heiße Bad. Ich darf nach dem Opi ins Wasser.

Opi kocht, läßt das Fett in der Pfanne. Im alten Fett vom vorigen Gericht gebacken, das alte Fett wird tradiert. Auch Marmelade oberflächenverschimmelt. Beim Opi ist das Leben etwas urtümliches. Die Oberfläche immer erst abkratzen.

I.3 Bin eigentlich dankbar dafür.

Bei der Mutti werden die sechziger Jahre pur. Das kleine Apartment mit der kleinen praktischen Schrankwand. Es gibt verschiedene Welten, zu ein- und derselben Zeit.

Mutti arbeitet tagsüber in der Ersatzteillager-Abteilung eines Schreibwarenhandels. Dort ist sie für den organisatorischen Ablauf zuständig. Papiere erstellen für Druckmaschinen, die ins Ausland verkauft werden.

Antwort: Ich will nicht das nicht tun, was die Anderen nicht tun sollen. Ich will nicht  das nicht sagen, was die Anderen nicht sagen sollen. Ich will das nicht essen, was die Anderen nicht essen sollen. Ich will das nicht sein, was die Anderen sind.

Frage: Wer sind die Anderen?

Antwort: Das sind die Menschen. Sie sind im Fernseher, in den Zeitschriften, auf der Straße. Ich höre sie sprechen und sehe sie essen. Seit ich AIDS habe, bin ich voller Lebensfreude. Ich rauche jeden Tag ein Päckchen Malboro Menthol. Der Tag ist zuende, wenn ich die Letzte aus der Packung geraucht habe. In einer Stunde gehe ich ins Bett.

müller, heiner, zur lage der nation: andererseits ist das nichtakzeptieren des todes die voraussetzung für alle leistungen, die europa hervorgebracht hat. aber aus dieser todesverdrängung entsteht das genuin europäische verlangen nach immer höheren geschwindigkeiten. leistung = geschwindigkeit, das ist die europäische grundformel, mit der der weg ins paradies gesucht wird.

I.4 Echo der Zeit

Keine unbefleckte Empfängnis. Die Mutti war jetzt gebrandmarkt, die Familie hat sie das deutlich spüren lassen. Der Bruder der Tante, der einzige offizielle Nazi in der Familie, konvertierte 1954 von der NSDAP zu den Zeugen Jehovas und spricht mit ihr bis zu seinem Tode kein einziges Wort mehr. Wenn man ihn als Beispiel für eine extrem verklemmte Lebensauffassung herannimmt, dann ist er nur die sichtbare Spitze dieser ganzen Verhältnisse. Die Anderen sind subtiler in ihrer Verachtung, und mindestens genauso schlimm. Das bekam das Kind in irgendeiner unbewußten Weise auch mit. Zwar ist es der kleine Sonnenschein, aber mit einem Schatten bei sich. Die Mutti muß nun improvisieren und sich zwangsemanzipieren. Aber sie verheiratet sich erst einmal unglücklich, und es erfolgt ein gemeinsamer Umzug nach Kleinauheim. In Verhältnisse, ähnlich denen sie entflohen ist. Der Mann wohnt mit seinen Eltern in einem Einfamilienhaus und sie ist dort nicht geschätzt. Sie ist die junge Person, zwar sehr hübsch, aber nichts rechtes für den Haushalt. Und dann noch dieses Balg dabei, dieses uneheliche. Es hätte in Kleinauheim reinere Geschöpfe gegeben. Vom Regen in die Traufe gekommen.

Heute morgen hatte ich einen schweren Traum; ich bekam mitgeteilt, daß ich HIV+ sei. Der Arzt, der mich sehr an einen ehemaligen Kunstlehrer erinnerte, gab mir noch fünf Jahre zu leben. Ich versuchte angestrengt zu überlegen, wie es denn dazu gekommen sei; das einzige Mal hätte doch nur damals, als mir versehentlich jener kleine Unfall passierte, so ohne Kondom. Nun ja, man war betrunken, aber eben doch nur einmal!

Zu den Haupterinnerungen an die Zeit in Kleinauheim gehört, daß die beiden sich tagsüber oft im Schlafzimmer einschließen um dort Dinge zu tun, von denen er dunkel ahnt, wo er aber unbedingt zugucken und dabei sein will. Er hat dann mit den Füßen gegen die Tür getreten. Er schreit und wird weg geschickt. Der einzige, der ihn nicht wegschickt, ist der Opi. Vor dem Zubettgehen fragt er den Opi, was ist denn das für ein Portemonnaie, da unter meinem Spätzchen. Vielleicht ist der Opi nicht wichtiger als die Mutti, aber er ist ein ganz großer Gegenentwurf. Er ist die Fluchtburg, vor allem, und vor allen, besonders im Odenwald. Da ist er der Bub und der Bub, der geht in den Wald. Da ist niemand der sagt, geh nicht in den Wald, das ist viel zu gefährlich oder der sagt sei dann und dann wieder da, sondern er läßt es geschehen und das tut dem Jungen sehr gut. Opi stirbt 1972 an Lungenkrebs.

I.5 Gott lebt

Meine Mutter war in jenen Jahren befreundet mit dem Horst aus Rödelheim, ein Alkoholiker und ehemaliger Leibgardist von dem berühmten Frankfurter Industriellen Dietz, einer der Initiatoren zum Wiederaufbau der alten Oper, und es war ein grober Klotz, ich habe mich mit ihm überhaupt nicht gut verstanden und meine Mutter wurde damals sehr krank, mit ihrer Hand hatte sie damals zu tun, womit sie heute auch noch zu tun hat, also seit einem viertel Jahrhundert mittlerweile und das war eine sehr problematische Zeit für mich. Auch in der Schule gings mir schlecht. Meine Mutter war eben mit dem Alkoholiker Horst zusammen und ist mit ihm dann auch immer in den Urlaub gefahren. Ich blieb dann allein und mir selbst überlassen. Damals bin ich auch zu meiner ersten Jugendfreizeit 1972 nach Italien gefahren, 1973 dann mit der Tanti in den Odenwald, 1874 nach England zur Sprachschule und 1975, als es dann vorbei war mit dem Horst, ist meine Mutter dann mit mir in den Urlaub gefahren, das waren die berühmten Rivieraurlaube, 1975, 76 und 77. Für meine Mutter war die Beziehung zu Horst auch die letzte, die sie eingegangen ist. Sie hatte später noch so ein paar Beziehüngchen, aber das waren flüchtige Geschichten. Es war zwar sehr hübsch, zum Beispiel mit dem Rechtsanwalt soundso, der immer in seinem kleinen Sportwagen kam und dann hupte, aber es war nichts tiefergehendes.

Die Zeit mit Horst gehört zu dem. Er schlägt mich nicht, aber meine Mutter will immer aus dem Fenster springen. Und es gibt solche erschreckenden Szenen wie man sie sich aus psychedelischen Filmen der siebziger Jahre kennt. Sie lange schwarze Haare, im Minikleid im Fenster der Neubauwohnung stehend und schon mit dem einen Schenkel draußen. Das ist auch die Zeit, wo sie sich immer in der Wohnung sonnt, weil wir so große Glasscheiben haben. Hinter dem Glas mit freigelegten Brüsten. Das nimmt mich sehr mit, eine Art von Selbstmordmode, die meine Mutter durchlebt, aber wohl hauptsächlich durch diese Beziehung zu dem Horst. Es gibt bizarre Dinge: Nach einem Streit nachts verschwinden mit Schlaftabletten und einer Flasche Sekt oder aus dem fahrenden Auto aussteigen wollen, in Offenbach auf der Berliner Straße, oder auch die Aktion, die besonders dramatisch ist, wo sie auf die Berliner Straße rennen will in den Verkehr und ich hänge ihr peinlich flehend am Rockzipfel und versuche sie so daran zu hindern. Das alles ist mir recht duster, zumal ich gleichzeitig in der Schule auch große Probleme habe, weil ich der Klassendoofi bin. Da ist meine seltsame Beziehung zu einem gewissen Armin, der mir in der Pause immer den Arm umdreht oder mich auf die subtile Art, wie es nur Heranwachsende können, mißbraucht.

trakl, georg: wo die toten von gestern lagen, trauern engel mit – weißen zerbrochenen flügeln.

I.6 Das Sammeln römischer Münzen

Das die sehr schlimme Zeit nach dem Tod vom Opi, wo ich es dann ohne Rückhalt von allen Seiten bekomme, wo ich dann nicht mehr die Fluchtburg hatte zum Opi gehen zu können am Wochenende und da ist alles gut, da habe ich ja auch meinen Garten. Jetzt ist die Wunde offen. Da ist nichts mehr zum Zunähen, da klafft das ständig. Es gibt auch noch ein Foto von mir auf meiner Konfirmation, wo ich wirklich erschreckend aussehe, völlig körperlos unglücklich. Es gibt auch eines der wenigen Kindheitsfotos wo ich wirklich sauglücklich aussehe, ein Bild aus dem Odenwald mit meinem Opi, was wohl 1968 oder 69 aufgenommen worden sein muß. Aber die frühen Siebziger Jahre sind für mich durch den Tod vom Opi und dem Verhalten meiner Mutter eine wirklich harte Zeit. Es kommt so einiges zusammen. Und in der Schule der Klassendoofi zu sein, ist auch nicht so schön, und ich treffe für mich die unbewußte Entscheidung, mich abzusetzen von dem, was mich so umgibt, in die Emigration in mich zu gehen. Aber ich habe als Kind eben keine Abwehrmechanismen entwickelt, weshalb ich auch immer der Klassendoofi blieb, und bis heute, wenn ich sehr angegriffen werde, körperlich, spielerisch, reagiere ich sehr schlecht und das ist die Erbschaft aus meiner Kindheit, wo ich schon sehr früh Außenseiter war und das auch gemerkt habe und empfinde. Also ich habe auch als Kind am liebsten allein gespielt.

II. Frankfurt

II.1 Im Haus einer alten Frau, die im Sterben liegt und einige Tage später gestorben ist. Das Wetter ist zunächst sehr schlecht. Dunkle Wolken hängen über der Stadt, später sitzt man sich gegenüber und schweigt.

hölderlin, friedrich, der tod des: dies ist sein garten! dort im geheimen – dunkel, wo die quelle springt, dort stand er – jüngst, als ich vorüberging – du – hast ihn nie gesehn?

Die Fahrt führt von Punkt A der Geraden an Sattelschleppern, Tankstellen und Verkehrskreiseln vorbei zu Punkt B in eine der zahlreichen eingemeindeten Vororte. Von der Innenstadt getrennt durch ein breites Naturstück, ist das sorgsam gepflegte und in unzählige Kleingärten und Kleingärtenvereine, Fußballplatz inklusive parzellierte Labyrinth zu durchqueren. Dieses grüne Stück Arbeiterbewegung umsäumt die gesuchte Straße, daran aufgreiht idyllisch kleine Häuschen, familiäre Utopie von Arbeiterselbstversorgung nach ländlichem Vorbild, Baujahr 1933. Ihren 102. Geburtstag feierte die gelernte Buchbinderin am Freitag. Die Jubilarin wurde im damals noch selbstständigen Schwanheim geboren und heiratete 1915. Am Ende Punkt B, das Ziel, vorletztes Haus. Eine abweisende, scheinbare windgebeugte Form mit dem spitzen Dach ist gelblich abgeblättert. Zweigeschoßig plus Mansarden ragt es inmitten des verwilderten Vorgartens, der den Nachbarn zu mancherlei Protest Anlaß sein mag.  Ein mächtiger Baum läßt schwach beleuchtete Fenster düsterer erscheinen und beschattet den neuen Opel Vektra, links in der Einfahrt geparkt. Zur Straße begrenzt ein Holzzaun, Jägerdesign im Dackelformat, mit einer Pforte so niedrig, daß man sich bücken muß um den Zwergengriff zu fassen. Ein schmaler Weg verläuft von dort weiter rechts am Haus entlang, vorbei am gläsernen Haupteingang, seitlich improvisiert, bis zum rückseitigen Teil des Anwesens. Auf dem schmalsten Stück, zwischen Hauswand und dem überwuchernden Holunderstrauch, wird mit lautem Knacken zufällig eine Schnecke unter dem linken Fuß getötet. Dann der imposante Anblick des leicht verwilderten Gartens, dessen Breite etwas mehr ist als der des Hauses entspricht, aber dessen Länge die Grundfläche desselben um mindestens das Dreifache übersteigt. Es reicht bis an eine Waldschonung, hinter der sich das Ried, eine Feuchtfläche, fortsetzt, worauf ein allnächtliches Quacken von Fröschen weist. Auf der vorderen Grünfläche, gesäumt von Büschen und Pflanzen, sowie üppig tragenden Himbeersträuchern, steht ein großer Gartenzwerg, einige Kirschbäume, ebenfalls trächtig, sowie andere Pflanzen, Bohnen, Kräuter, allerlei buntes Eßbares. Ein morastiger kleiner Tümpel markiert den Übergang zur zweiten Hälfte des Nutzgartens, wo sich neben Erdbeerpflanzungen und verblühten Farnen eine stattliche Anballung mannshoher Hanfpflanzen erhebt. Rückwärtig betrachtet erscheint die Fassade des Hauses freundlicher, links unten befindet sich ein hell erleuchteter Eingang von der Art einer Balkontür. Fünf einfache Holzstufen führen auf einen kleinen hölzernen Vorsprung, darunter stehen Aschenbecher.

II.2 Eine leichte Trendwende am Wohn-Immobilienmarkt meldet der Ring Deutscher Makler.

Es ist Sommer und auf die dunklen Wolken brennt  die unsichtbare Sonne. Ausläufer eines Tiefdruckgebiets über den Britischen Inseln überqueeren Deutschland ostwärts und führen allmählich kühlere Luftmassen heran. Tag und Nacht bedrückt schwarzverhangener Himmel das Tal, kondensieren stinkende Gase dampfend empor und werden vom nächsten Regen wieder herabgedrückt, um unverdaut denselben Weg wieder zu nehmen. Zwischendrin durchwandert der Dreck die Lungen, wird hustend und schleimig herausgekotzt. Niedrig, gleichermaßen gedrückt von der Luftlast, fliegen auch Insekten in Knöchelhöhe, um sich am sommerlich blanken Fleisch der zweibeinigen Säuger festzusaugen. In der Ferne leuchtet der Horizont. Ein Gewitter kommt näher und mit ihm eine totenähnliche Stille, durchbrochen nur vom Lärm der Flugzeuge, die alle zehn Minuten dröhnend über das Anwesen hinwegschmutzen. In Frankfurt wird es auch in der kommenden Woche aufgrund von Bauarbeiten zu Verkehrsbehinderungen kommen. Heute nach örtlichen Frühnebeln zunächst gebietsweise heiter, ab Mittag Quellbewölkung. Wechselnde, zeitweise starke Bewölkung mit weiteren Schauern und Gewittern. Höchsttemperaturen 18 bis 23 Grad.

hölderlin, friedrich, der tod des empedokles:  — Doch was sagts? du mußt ihn selbst sehn! einen – Augenblick! und dann hinweg! ich meid ihn selbst– ein furchtbar allverwandelnd Wesen ist in ihm.

Punkt B saß Punkt A gegenüber auf der Couch, eine silbrigweiße Jaluosie dahinter filterte das letzte sommerliche Zwielicht des Abends ins Dunkle und Punkt A konnte das Gesicht von Punkt B nicht erkennen. Die Umrisse traten umso markanter hervor. Der schmale Körper, von dem Punkt A wußte, wie durchtrainiert er ist, trug ein anliegendes Unterhemd, das die knochigen Schultern freiließ. Die Taillie wurde durch eine enge Radlerhose, die bei Licht grell bunt war, in eine fast feminine Form gebracht, die sehnigen nackten Beine schlug er übereinander. Lange schauten sie sich an, ohne zu sprechen, das heißt, Punkt A sah nur den großen Kopf auf dem schmalen Hals als Schattenriß, das Gesicht war durch den Mangel an Licht zu einer dunklen Einheit geworden,  bizarr umrahmt vom wirren blondierten Haar, dessen abstehende stachelige Büschel an eine Geisha erinnerten. Nicht das Weiß der Augen war zu erkennen, nicht denn Bewegungen im Gesicht. Sehr wohl konnte Punkt B Punkt A erkennen, das Restlicht beschien Punkt A frontal. So saßen sie sich gegenüber und schwiegen.

Hölderlin, friedrich, der tod des: Wie lebt er mit andern? Ich begreife nichts – von diesem Manne, – Hat er wie wir auch seine leeren Tage, – Wo man sich alt und unbedeutend dünkt? – Und gibt es auch ein menschlich Leid für ihn?

II.3 Unblutig verlief am Donnerstag abend eine Geiselnahme in der Kasseler Justizvollzugsanstalt Wehlheiden.

bei neuen partnern sollte man einen austausch von körperflüssigkeiten vermeiden, da neue krankheitserreger erworben werden können. wenn die partnerschaft schon länger besteht und aussenkontakte zumindest selten sind, kann in der partnerschaft auf safer sex verzichtet werden, da wahrscheinlich beide partner die gleichen potentielen krankheitskeime haben und eine erkrankung eher vom immunstatus abhängt.

Meine Mutter hat mit mir nie über meinen Vater gesprochen und ich weiß nicht, ob ich im Bett oder auf der Kirmes gezeugt wurde. Sie hat zu keiner Zeit auch nur die kleinste Andeutung über seine Identität gemacht und ich trage ihren Mädchennamen. Aber als Angestellter des Offenbacher Arbeitsamtes bekam ich durch Zufall die eigene Kindergeldakte in die Hand, in der ich den unterzeichnenten Verzicht meines Vaters auf das Kindergeld zugunsten meiner Mutter seinen Namen las, aber ich habe den Namen inzwischen wieder vergessen. Das Formular war adressiert an die JVA Butzbach oder so, in der dieser Mann zu jener Zeit offensichtlich einsaß. Mehr weiß ich nicht. Meine Mutter redet nicht gern davon und ich will sie damit nicht quälen. Die Antwort auf diese Frage ist mir nicht wichtig. Es hat mich nie interessiert, weil es mich nicht interessieren durfte. Meine männliche Bezugsperson war der Opi, dem ich immer gerne zugeschaut habe, abends, wenn er sich ausgezog. Das war sexuell prägend, denn er war groß und stark, ein richtiger Mann in langen Unterhosen.

Alles fing bei mir im Alter von vier Jahren an. Meine Mutter und ihr damaliger Ehemann – mein Stiefvater – haben sich zurückziehen wollen, am Tag, und ich wußte, daß es ums ficken geht oder zumindestens irgend etwas sexuelles, ja, und habe deswegen sehr vehement gegen die Tür getreten. Wollte Einlaß. Oder das Auffinden von Kondomen im Bad, die mit Wasser gefüllt waren. Ich wußte noch nicht, was es war, aber es hat mich schon damals sehr erregt.

Eine weitere Szene ist mir in Erinnerung, die Zaubervorführung im Fernsehen, es muß 1964 gewesen sein. Ich erinnere den Raum, und der war in Kleinauheim, wo wir seinerzeit wohnten. Während der Vorführung verschwand der Zauberer immer wieder hinter einem Paravont. Ein Moment des Umkleidens, den ich dabei hineinphantasiert habe, hat mich sehr stimuliert, so daß ich im Alter von vier Jahren heftig onanierte, daran kann ich mich sehr plastisch erinnern. Ebenso wie an die Vergwaltigungsversuche meinerseits an Kindergartenkindern. Im Kindergarten haben wir immer Nachmittagsschläfchen machen müssen. Einer meiner Mitgefangenen lag neben mir und ich griff ihm von hinten in den Ausschnitt seines Pullovers, den Rücken entlang nach unten. Das war für mich eine sehr schöne und interessante Erfahrung, aber ich wußte auch damals schon, da machst du etwas seltsames, was eigentlich nicht normal ist. Dann die Onanierversuche im Kinderhort mit Dieter in irgendeiner Ecke. Wenn die Kinder kneten mußten, gab es eine Art Plastikfolie. Die haben wir uns auf den Schoß gelegt, die Hosen heruntergezogen und onanierten unter der Knetfolie. Ich weiß, ich nahm die Sache immer ernster als der Andere. Ob ich beobachtet wurde, weiß ich nicht. Wir sind jedenfalls nie zur Rede gestellt worden. Das wäre gar nicht möglich gewesen, damals, wo all diese Dinge noch völlig tabuisiert waren. Selbst wenn man uns gesehen hätte, hätte man damals gar nichts erst gesagt.

ben driscol sass 17 jahre lang im gefängnis, ohne sich an seine identität, geschweige denn an seine taten erinnern zu können. als er entlassen wird, führt ihn ein unbestimmtes gefühl in die kleinstadt lexington, wo er auf die journalistin rachel stösst. sie hilft ihm bei der such nach der vergangenheit, doch das paar stösst auf eine mauer der ablehnung und des hartnäckigen schweigens.

Ich weiß noch, was ich anhatte, als ich meinen ersten Freund im Club ‚Come Back‘ kennenlernte. Ich trug eines dieser karierten Hemden mit spitzem Kragen aus indischer Baumwolle, was 1978 zumindestens in Offenbach sehr modern war, und etwas ausgestellte Jeanshosen. Ich wollte männlich wirken. Und dann hat er mich angesprochen.

Ich war eigentlich immer mit jemandem zusammen und es gab kaum Zeiten, wo ich wirklich alleine gewesen wäre. Mit den Beziehungen verbinde ich verschiedene Lebensphasen; ich habe Beziehungen trotz meines enormen Menschenhasses. Aber gerade damit fällt es mir sehr schwer, mich in der Öffentlichkeit zu bewegen, besonders allein. Ich brauche Schutz.

Nach sieben Jahren Arbeitsamt wechselte ich auf eine Kunstschule. Wenn ich das nicht getan hätte, wäre ich heute ein Kioskbesitzer auf Mallorca.

II.4 Im ausgedienten Schuhkarton die alten Fotos. Von einer Reise, einer Ausstellung, irgendeinem glücklicheren Sylvester.

In der Sauna ist es warm und gemütlich. Sexuell aufgeladen. Neunzig Prozent der Leute sind dort um zu ficken. Die Sauna ist nicht spezialisiert auf eine bestimmte Szene, daher entfallen entsprechende Schönheitskriterien. Die Kleidung fällt als Bestimmungs- und Zuordnungsfaktor weg, da ja alle nackt sind, aber man muß keinen Luxuskörper haben, um sich zu zeigen. Alles ist sehr einfach, auf das Wesentliche reduziert. Ein Kontakt für kontaktarme Menschen wie mich ist deshalb relativ leicht herzustellen. Im Schwitzraum kann man nach Herzenslust greifen, fühlen und anfassen. Man macht es im Stehen oder im Sitzen. Die anderen gucken zu, sofern das möglich ist im Dampfnebel. Aber das ist der hohe Reiz der Sache. Eine feuchte Höhle. Wenn jemand dir hier von hinten an die Eier greift, ist es egal, wer das ist, das sind diese geilen Momente. Und wenn man hier nicht schon abgespritzt hat, sucht man oben in den Kabinen weiter.

1979 war ich das erste Mal in einer Homosauna. Ich traute mich nicht hinein, und der Freund meinte, gehen wir zusammen. Der offene Zugang zur Sexualität war zunächst mal für mich problematisch. Ich war jung, leicht erregbar, du gehst durch den Gang und denkst, eigentlich wollte ich ja schon immer mal so frei und ungehemmt. Es war nicht wichtig, wer mich schließlich  in die Kabine gezogen hat, ich habe nicht hingeschaut.  Und so habe ich die bunte Welt der Sauna kennengelernt. Wieviel Partner ich in meinem Leben wohl gehabt habe. Vorsichtige Schätzungen liegen bei 150 bis 200. An ungefähr die Hälfte kann ich mich noch erinnern. Namen erinnere ich nur wenige.

Vor zweieinhalb Jahren war ich das letzte Mal in der Sauna. Neulich wollte ich wieder hingehen, aber ich gehe nicht mehr alleine dorthin, weil ich mit meinen Flecken so auffällig bin. Für den Kenner bin ich damit identifizierbar wie ein Trüffel dem Schwein. Das ist ein seltsames Gefühl. Mit der Begleitung wäre das anders, denn der hat das auch und wir wären dann menschlich in der Übermacht. Es ist jener Typ aus Fulda, zu dem ich seit fünfzehn Jahren eine Beziehung aus flüchtigen Erlebnissen halte. Zuletzt sahen wir uns im Haus 68, er kam mit zu mir und hat sich umgedreht, den Arsch hingehalten und gefragt, wie ich es gerne hätte. Bisher hat er noch nicht angerufen. Ich darf ihn nur auf der Arbeit anrufen, aber die Nummer habe ich nicht. Er ist Angestellter bei der Eisenbahn.

Das frühe Gefühl, irgend etwas unrechtes, ja unnormales zu tun, kommt daher, weil man auf der Straße in der Regel ja immer nur Männer mit Frauen sieht und weshalb man selbst nicht diese Empfindung hat, sondern sich mehr an Männern orientiert. Soweit ich mich erinnere, hat mich meine Mutter auch nie daraufhin angesprochen, zum Beispiel auf Freundinnen. Nun ist meine Mutter auch wirklich nicht diese Art von Mutter, die zu ihrem fünfzehnjährigen Bub sagt, warum bringste denn nicht mal ne Freundin mit. Sie leidet ja auch unter sexuellen Neurosen und schlechten Erfahrungen. Sexualität war bei uns auch eher ein Thema, das ausgeklammert worden ist. Das Bewußtsein für meine Neigung und mögliche Konsequenzen entwickelte sich erst in den frühen siebziger Jahren. Fräulein Wehnel war bei uns zu Besuch, es lief im Fernsehen ‚Disco 72‘. Beim Auftritt der Gruppe ‚The Sweet‘ meinte sie, ach mach das weg, das sind ja die Schwulen. In dem Moment kristallisierte es sich für mich heraus, was es bedeutet, anders zu sein. Seither habe in meinem Wesen eine Art vielleicht übertriebene Sicherheitsvorstellung entwickelt, die mich heute noch leiden läßt, wenn ich in der Öffentlichkeit angefaßt werde.

III. Ein Lied geht um die Welt

III.1 freundschaft mit frostperioden

das hohelied salomo: er erquickt mich mit traubenkuchen und labt mich mit äpfeln; denn ich bin krank vor liebe

Wie oft habe ich den Arzt aufsuchen müssen. Dr. A. von undsoweiter, Praxis in der Nähe des Hauptbahnhofs. Der Name klingt romantisch. Für bestimmte Krankheiten recht bekannt. Bin ich die Hure, bin ich der Stricher, der Schwule, im Hellen, im Dunklen, im Park, im Pornokino. Und alle paar Monate zum Arzt, mein eitriger Ausfluß ist es. In der Nähe des Hauptbahnhofs. Der Name ist vielen bekannt. Und gezahlt werden muß. Sowieso. Ich habe schon viel gezahlt, dafür.

In der Praxis sitze ich im Spezialstuhl. Ich bekomme eine Abtreibung. Die Instrumente stehen in leeren Konservendosen bereit. Die Beine hochgespreizt. Abgetrieben wird mit der Spritze. Ich entblöße mein geheimstes Selbst vor dir, mein Gott. Mein Körper ist mein Tempel. Hier bringe ich täglich die Opfer dar. Ich bin Gott, Vater und Sohn. Die große Mutter.

Als ob er der erste wäre. Und bestimmt nicht der letzte. Doch hier kommt erst mal der Abstrich. Ein großes Q-Tip. Resultat ist schon bekannt. Hephatitis, Syphilis, oder was? Heilbar, wie immer. Sowieso. Die elfenbeinerne Knochenpuppe, die in dir steckt und dein Leben lang darauf wartet, befreit zu werden.

zahnbürste, zahnpasta, seife, duschmittel, haarwaschmittel, deo, waschlappen, handtücher, kamm oder bürste, evtl. spiegel sowie ggf. rasierzeug. after shave für die herren, schminkutelsilien für die damen sowie parfüm oder eau de toilette werden zwar nicht dringend benötigt, doch tragen sie u.u. zur steigerung des wohlbefindens bei.

Als die Grippe nicht weggehen wollte, kam der Verdacht. Anzeichen. Drauf gewartet seit 1984 trotz Safer Sex. Geahnt wohl schon länger. Für den Test gehe ich zur Uniklinik, Haus 68. Ein Freund, lang schon infiziert, gibt den Hinweis. Nach wenigen Tagen die erlösende Nachricht: Negativ! Vor lauter Freude über diesen unerwarteten Befund spendiere ich mir einen Abend im Stall, der ältesten Lederkneipe Frankfurts und ich weiß hier, sind 60% der Männer infiziert. Ich gehöre nicht dazu. Drei Tage später ein Anruf: Bitte noch mal in die Klinik kommen. Der Test war vertauscht. Ich bin positiv. 100% chlorfrei gebleicht.

In Paris war ich im Louvre. Wenn schon mal da, und das nicht zum ersten Mal, dachte ich, will ich nun doch die Mona Lisa sehen. Nach Stunden der Ruhe und Freude in der Abteilung Mittelalter wage ich den Versuch und folge den Menschenmengen. Auf dem Weg nimmt die Zahl der Besucher zu, die Räume scheinen enger zu werden. Geruch nach Körpern, alles steuert auf einen langen Raum zu. In der Ferne schon ist es zu sehen: Der Ort, an dem das berühmteste Bild des Abendlandes gehängt ist. Das einzige Objekt im Haus, daß durch einen Glaskasten, vermutlich säurefest, geschützt ist. Die Traube der Japaner davor ist kaum zu durchdringen. Irritiert nehmen die Europäer Abstand. Ein Blitzlichtgewitter. Vor dem Glaskasten aufgereiht die fernöstlichen Touristinnen, kichernd werden sie fotografiert von ihren männlichen Begleitern. Das Bild in ihrem Rücken werden sie erst Zuhause sehen, auf den Fotobildern.

Müller, heiner, zur lage der nation: … Das fotografieren ekelt ihn, weil die wirklichkeit immer mehr durch ihr abbild ersetzt wird. Diese horden von fotografierenden touristen in museen und antiken stätten interessieren sich doch gar nicht mehr für den inhalt der bilder oder skulpturen – sie brauchen die fotos. Das fotografieren ist ein nekrophiler akt, man will nur noch abbilder vom leben statt des lebens selbst. Man fotografiert die toten samt aller phasen der auflösung des körpers bis hin zum skelett. Dadurch hätte die fotografie einen sinn, denn man bekommt durch die abbildung einen respekt vor der wirklichkeit, vor dem leben.

IV. Raubtierhaus

IV.1 millionen von kindheiten die sich hier im raum aufhalten

– montag und mir sind im zoo bitte sag das nocheinmal – mirsinnimzoogenau – und du wolltest ein tier werden genau sag doch nocheinmal was für eines weiss ich nicht ne robbe ne kleine ne kleine robbe ja

– was kleines also warum was kleines – weil die mehr platz haben als die grossen – jetzt gehen wir also ins nachttierhaus was für tiere habe wir eben gesehen weisst du das noch?

– das war der lippenbär das war ein kleiner knuddelbär – oh oh schau ein mal da – oh moment ein schönes tier

– ein tierhaus ist in die jahre gekommen das haus ist veraltet aha aha ist einfach alt – sieht ja auch schon so aus bischen wie der steiff da

– der sieht aus wie die fette kastrierte katze bei uns da im haus – ist halt ein weibchen – ach so

– das bindegewebe bei weibchen ist sehr schwach – auch bei katzenweibchen schade eigentlich jetzt wartet er darauf dass er darein darf nein heute muss er in der öffentlichkeit bleiben

– schwaze panther sind ja mitthin die schönsten tiere die es gibt und es ist nichts anderes wie eine katze

– guck jetzt macht er was – er macht was – na das ist traurig also

– den mähnenwolf finden wir im freigehege gegenüber den sozialwohnungen- das nachttierhaus habe ich gesagt

ich hab mal eine s/m session erlebt in einem haus gegenüber des zoos nachts um vier wo die pfauen vom zoo herüber geschrieen haben das war ein geräusch was sehr stimmungsvoll war was gut dazu gepasst hat

IV.2 [imitiert das geräusch]

die haben keine stimulation diese kleinen tiere es fehlt es fehlen die kleinen unherflitzenden käfer und mäuse die sie jagen und die krassen temperaturen die in der wüste anzutreffen sind nachts wahrscheinlich auch nicht ich kann mir nicht vorstellen dass es auf 0 grad erhitzt ist ambiente

das tier muss doch wenn es denken könnte zur feststellung kommen dass es ganz allein ist auf der welt das stimmt ja – das beste ein solches tier schon zu züchten im zoo damit es gar nicht merkt was ihm entgeht sie hat es etwas schlechter als eine wohnungskatze gott das ist nicht schön

zum beispiel da gibt es ganz tolle tiere das ist der fuchs kennen wir ja aus dem fernsehen der grizmek hat ja immer so einen dabei gehabt im fernsehen die eule hat sehr grosse ohren damit sie gut hört

spät man sieht es ja kaum die tiere müsste man zusammen tun mit dem hätte die katze drüben sicher viel spass stimmt

die schlanklories aha das ist mein leiblingstier ja – schlanklories gehören zur halbaffenfamilie der lories da ist eins lories markieren ihren bezirk mit urin das mache ich doch auch eben ohh wi goldig da oben hängst auch noch eins ja die sind halt sehr langsam

müller, heiner, zur lage der nation: ein kluger franzose hat einmal gesagt: “ der beitrag der deutschen zur weltkultur ist der tierpark“ – also die humanistische variante des kz, denn den tieren geht’s ja gut.

Süße Überraschung! Ihr Leben verläuft ohne Überraschungen? Wir ändern das – mit einem Supermarkt voller Abenteuer. In dieser Woche wartet eine besonders süße Überraschung auf Sie: Nutella zum Knüllerpreis, …und wer weiß, wen Sie sonst noch bei uns treffen!

V. Glücksrad

V.1 liebe

liebe liebe liebe kann ich ehrlich gesagt nichts mit anfangen also ich wüsste nicht was es ist bizarre vorstellungen gibts natürlich aber es ist ein wort was ich noch nie ernsthaft gegenüber jemandem gebraucht habe

V.2 arbeit

arbeit sehr schön tolle sache wenn sie einem nachvollziehbaren zweck dient ausser dem geld zu verdienen wenn man einen bezug hat zu dem was man macht durchaus als künstler arbeitet man ja auch das ist eine sehr reine form des verhältnisses arbeitsleistung zu arbeitsergebnis aber alles andere also ich habe noch keine andere arbeit gefunden die dieses mass an spass und erfüllung gebracht hätte

V.3 wald

wald sehr gut sehr schön als kind hatte ich eine sehr intensive beziehung dazu bin drei wochen im jahr im wald gross geworden ist etwas endillussioniert worden in letzter zeit aber ich könnte mir vorstellen allso ich kann verstehen wenn sich leute im wald umbringen ja

V.4 tiere

tiere finde ich interessant als partner lebenspartner des menschen sozusagen tiere begleiten und das mysterium ist ja dass man sich nicht unterhalen kann direkt dass man sozusagen eine art sclüsselsprache verwenden muss man hat keine gemeinsame sprache man einigt sich also auf so eine art codex und die tiere sind wesen die uns die existenz einer anderen welt exemplarisch vorführen.

V.5 mensch

mensch mensch ist ja also leider gehöre ich auch zu dieser spezies bin nicht sehr begeistert davon aber es ist was soll ich dazu sagen aber der mensch.

V.6 mutter

mutter versagt die sprache ja kann ich nichts dazu sagen

V.7 vater

vater ist weg nicht kennen gelernt und hätte gern einen finde ich interessant habe aber keinen

V.8 kinder

kinder habe ich keinen bezug dazu angst angst vor kindern es gibt kinder die es schaffen wenn sie auf mich zukommen und mich fordern dass ich sie sogar mag

V.9 sex

sex ist eine interessante einrichtung bringt viel freude ins leben und gibt leute die sind davon abhängig (email von bernd…) ich nicht das ist die das ist jetzt platitude aber das ist die billigste droge

V.10 porno

die droge die schon etwas teurer ist interessant aber da bin ich ein sonderfall wohl weil ich mehr und mehr in bild als in wortwelten lebe und darstellungen von geschlechtsakten mich sehr ineressieren und könnte auch sagen dass es also das jeder pornoladen so eine art bibliothek darstellt für mich und ich forsche da seit zwanzig jahren und finde es immer noch interesant bin natürlich mittlerweile sehr spezialisiert aber es geht immer noch weiter

V.11 körper

körper ist was sehr abstossendes was entsetzliches und was geheimnisvollerweise auch sehr anziehendes also wie das arschloch was ich zum beispiel adoriere was aber der zugleich der grauenvollste teil des menschlichen körpers ist

V.12 tod

tod gibt es nicht also es ist alles quatsch und alles ganz anders

V.13 wohnung

wohnung ist wichtig wohnung ist burg ist meine burg als kind also als jugendlicher hat mich immer die form des römischen hauses fasziniert nach aussen festung und innen ein atrium und ein garten

V.14 ordnung

ordnung versuche ich jeden tag von morgens bis abends zu machen aber es gelingt nicht oder nur selten

V.15 kunst

kunst ist ein instrument zur ordnungsbildung für mich wahrscheinlich das einzige wenn ich meine küche anschaue das einzige moment der sicherheit

V.16 freunde

freunde das ist was wichtiges um zu überleben und das leben zu bestimmen ist natürlich schwierig wenn man sehr einzelgängerisch veranlagt ist um einen spagat zu machen zwischen befreundet sein und doch das gefühl des alleinseins mit sich herum zu tragen allein sein wollens

V.17 telefon

telefon ich kriege jeden tag mindestens zehn anrufe das ist was was mich sehr stark fordert man könnte sagen dass es ein teil meiner arbeit ist die kommunikation am telefon ist eine schöne kommunikation man kann machen was man will man wird nicht gesehen ich habe mal als ich mit wolfgang telefoniert habe mir einen runtergeholt mir beim telefonieren ich finde es nach wie vor interessant auch wenn es mir auf die nerven geht

V.18 zivilisation

zivilisation keine ahnung

V.19 stadt

stadt ähnlich wie der körper abstossend und anziehend zu gleichen teilen

V.20 männer

männer auch interessante dinge für mich sehr anziehend im gegensatz zum gegenstück auf unserem planeten tja aber auch ein mysterium ja ich könnte nicht formulieren wie ein typischer homosexueller ich steh auf männer und so weil es für mich einfach zu selbstverständlich ist als dass ich das ausdrücken könnte

V.21 mitmenschen

die mitmenschen das sind leider leider notwendige dinge sonst wäre man alleine

V.22 auto

auto ich habe mal einen film gemacht der hiess auto das auto ist ein sehr interessanter sache ist eine art panzer ich liebe autos wenn ich drin sitze und ich liebe sie nicht wenn ich mich ausserhalb meines autos befinde insofern ist es eine ähnliche ambivalenz wie zu vielen dingen die mich umgeben also das arschloch zum beispiel ja

V.23 kleidung

kleidung kleidung ist sehr wichtig kleidung ist waffe und schutz möglichkeit sich auszudrücken schöne kleider sind gut

V.24  ich

ich äusserlich wie ich aussehe gross schlank mittlerweile mit bauch ein verunglücktes wesen mit leicht nach vorne geneigtem gang linkisch aber immer die hoffnung in sich tragend dass man vielleicht manchmal ganz gut aussieht

ENDE

 

© thomas g.a. mank

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