NormenWerk

Eine Kathedrale aus Worten

Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.
Moses 1, Buch 2

Dinge werden vom Menschen geschaffen um ihm zu dienen, daher sind ihre Maße dem Körper angemessen.
Le Corbusier

Vorrede

Das NormenWerk repräsentiert unterschiedliche Interessen als Konsens im Sinne einer „allgemeine(n) Zustimmung, die durch das Fehlen aufrechterhaltenen Widerspruches gegen wesentliche Inhalte seitens irgendeines wichtigen Anteils der betroffenen Interessen und durch ein Verfahren gekennzeichnet ist, das versucht die Gesichtspunkte aller betroffenen Parteien zu berücksichtigen und alle Gegenargumente auszuräumen.“ (DIN EN 45020 Normung und damit zusammenhängende Tätigkeiten)

Grundsätzlich sollen Ausstellungen informieren, repräsentieren, bewerben oder zum Diskurs anregen. Exponate, gleich welchen Inhalts oder Charakters, sind Marken in einem erweiterten Raum. Sie bezeugen ein Ideal und üben in der Rückkopplung durch die öffentliche Betrachtung wiederum Einfluss auf die Erscheinung des Ausgestellten bzw. auch des Ausstellenden aus.

Was ist das NormenWerk?

Eine Ausstellung für das DIN über seine Arbeit und zum Thema Normen und Normen-werk war eine große Herausforderung. Produkte, Dienstleistungen, Sicherheitsmaßnahmen liefern zwar anschauliche Beispiele für den Erfolg der Normenanwendung, besagen aber nur indirekt etwas über die angewendeten Normen aus und nichts über das NormenWerk oder die Arbeit des DIN. Tatsächlich ist das NormenWerk nicht identisch mit den Dingen, die daraus entstehen, sondern es ist zunächst einmal eine Sammlung von Vereinbarungen mit dem Ziel breitester Anwendung und als solche eigentlich schon per se eine Exposition; sein Medium in diesem Sinne ist die Schrift, der Ausstellungsraum wären die Publikationen.

 

Mit anderen Worten, das Vorhandensein beispielsweise einer Treppe sagt noch nichts über die Norm aus, die dieser Treppe möglicherweise zugrunde liegen könnte. Da uns aber die Benutzung genormter Treppenstufen im wortwörtlichen Sinn in Fleisch und Blut übergegangen ist, erspüren wir den Unterschied sofort, wenn wir eine ungenormte Treppe besteigen.

Wir erkennen die Wirkung der Normenanwendung also durchaus im praktischen Vergleich; neben Treppen fallen dabei sicherlich sofort weitere prominente Beispiele ein, wie die unterschiedlichen Steckdosen für Mobiltelefone oder Stromanschlüsse, Muttern für Schrauben usw., die Liste könnte lang fortgesetzt werden. Was läge also näher, als aus diesen Beispielen heraus eine Ausstellung zusammen zu stellen, um die sinnvolle Anwendung von Normen zu demonstrieren? Tatsächlich aber würde hierbei das Kernproblem ungelöst bleiben, auf diesem Wege lediglich die Wirkung bzw. das Fehlen der Wirkung von Normen zu beweisen, aber nichts über die Normung selbst aussagen zu können. Die ausführlichen zusätzlichen Erklärungen aber, die nun dazu dann ergänzend notwendig werden würden, hätten gegen die spielerisch vergleichende Attraktion spektakulärer Objekte und Aha-Momente keine Chance, der Erkenntniswert einer solchen Ausstellungskonzeption wäre somit begrenzt.

Der Anspruch an eine Ausstellung für das DIN wollte diese Beschränkungen überwinden und eine Bindung an genormte Objekte und dazu passende Erläuterungen vermeiden. Die konzeptionellen Überlegungen gingen deshalb einen Schritt weiter und beschrieben das NormenWerk als eine Metaebene, deren Wirkungen uns in vielfältigster Weise umgibt und selbstverständlicher Bestandteil unserer Wahrnehmung geworden ist. Derartige Metaebenen existieren zahlreich, Gesetze, Verkehrsregeln, Sprachregeln, etc., ihre Zahl ist Legion und definiert in der Summe das, was Kultur und Gesellschaft verstanden werden kann. Aus einer derart angelegten multivalenten Auffassung vom NormenWerk wurde die Idee von der Ausstellung als einem real angelegten ~virtuellen Raum der Normen“ entwickelt, den die Besucherinnen und Besucher als begehbare Inszenierung betreten sollten. In dem sie durch das Betreten des Normenwerk-Raumes auch selbst Teil der Inszenierung werden würden, sollten sie buchstäblich erfahren, dass die Normen zu jenen allgegenwärtigen und raumbildenden Strukturen zu zählen sind, die das Alltags- und Erwerbsleben maßgeblich, aber unauffällig mitbestimmen.

Normung als kulturelle Leistung

Im Sommer 2007 wurden unterschiedlichste Gewerke auf insgesamt mehr als 3000 Foto- und 25 Stunden Videoaufnahmen dokumentiert zu dem Zweck, Normenanwendungen aus allen Bereichen der Produktion und Gesellschaft zu sammeln. Angesichts einer Zahl von weit über 30.000 Normen wurde der Vorauswahl thematische Schwerpunkte zugrunde gelegt, die darüber hinaus das Potential haben zu zeigen, wie unterschiedlichste Produktions- und Logistikvorgänge durch Anwendung von Normen miteinander synchronisiert und dadurch optimiert werden, obwohl die ausgewählten Gewerke untereinander wenig bis keine Berührung haben. Die Dramaturgie der fünf Schwerpunkte bildete später dann folgerichtig auch den dramaturgischen Kern der Ausstellungsgestaltung.

Zur Gewährleistung einer weitgehend einheitlichen motivischen und formalen Darstellung der Themenbeispiele in Film und Fotografie war eine, Dreischritt-Grundformel“ entwickelt worden. Dabei gingen wir von der Nahaufnahme als Grundprinzip aus, in der die originäre Handlung bzw. das Objekt im Detail des normierten Bezugs sichtbar wird.

In einem zweiten Schritt erweiterten wir die Perspektive, wodurch das Motiv in seinem Kontext sichtbar wurde. In einem dritten Schritt setzten wir dieses Bild in eine Beziehung zu einem übergeordneten Begriff, machten eine Handlung daraus, die das Motiv nunmehr aus von der ästhetisch – formal dargestellten Funktionsebene im konkreten

Arbeitszusammenhang zeigt, also beispielsweise zusammen mit den Menschen die damit Umgang haben. In diesem Sinne wurde diese Formel je nach Motiv variiert und durch gegebenenfalls motivspezifische Details ergänzt, wie beispielsweise eine Tätigkeit, Abläufe, etc.

Auf diesem Hintergrund eröffnete sich die Topografie einer ungewohnten Kulturlandschaft, deren Marken das NormenWerk setzt. Ihrer Spur zu folgen und so das Bewusstsein für die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Normung zu schärfen ist eine der wichtigen Aufgaben der Ausstellungen. Sie bezeugt damit die Arbeit des DIN, der unterschiedlichsten Interessengruppen die immense Bedeutung des Normenwerks für die Wirtschaft, und macht zugleich deutlich, welche komplexe Strukturen auch dem ganz alltäglichen Leben zugrunde gelegt sind.

Mehr als DIN A4

Im Motiv des Containers als einem begehbaren Raum und markant architektonisch-grafischer Grundform zugleich fand sich ein überzeugendes Sinnbild für die globale Wirksamkeit der Normung.

In einer fiktiven Stapelung von vier Standardcontainermodulen, proportional an die vorgegebene Raumsituation angepasst, wurde die Form einer Gitterstruktur mit gläsernen Wänden als Spielflächen und zugleich als Metapher für die Transparenz der Arbeit des DIN entwickelt. Praktisch verbindet die Transparenz durch die optische Aufhebung der Trennung von „Innen“ und „Außen“ die unterschiedlichen Medienereignisse und somit Bedeutungsebenen miteinander.

Die Innenausstattung wird von drei Grundelementen bestimmt: Objekte, die auf Körperproportionen Bezug nehmen, Normbeispiele, die aus ihrer Gliederung in die fünf Themenschwerpunkte heraus den multiplen Nutzen der Normung darstellen und Filmbeispiele, die wiederum mit den Normbeispielen korrespondieren. Dem gegenüber auf den Außenflächen finden sich Erläuterungen zur Arbeits- und Wirkungsweise des DIN. Diesen Textteilen wurden als ästhetisch autonome Bestandteile der Ausstellung als gewissermaßen typografische Objekte“ gestaltet, um dem Schriftbild als originärem Medium des Normenwerks eine eigene objekthafte Repräsentanz zu geben.

Diese Umsetzung der Ausstellung als begehbare Skulptur macht das NormenWerk im wortwörtlichen Sinne erleb- und begreifbar. Die Besucherinnen und Besucher können sich ein unmittelbares Bild vom DIN machen, erfahren von der wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung der Normung und erleben die Wirkung von Normenanwendungen am eigenen Leibe.

Die Reise durch Deutschland auf der Suche nach den exemplarischen Anwendungen der Normen war nicht nur eine Reise durch das Wirtschaftsland Deutschland, sondern zugleich auch eine Reise durch eine Kulturlandschaft entlang einer ungewohnten Synchronitätsspur, dem NormenWerk. Dieser Spur zu folgen und damit das Bewusstsein für die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Normung herzustellen ist eine der zentralen Funktionen der Ausstellung. Sie bezeugt damit nicht nur die Arbeit des DIN, die Arbeit der unterschiedlichsten Interessengruppen oder die große Bedeutung der Normen für die Wirtschaft, sondern sie macht auch einmal mehr deutlich, welche komplexe Struktur mit dem NormenWerk als ebenso wirtschaftlichen wie kulturellen Leistung dem alltäglichen Leben und Dingen zugrunde liegt.

Diese Betrachtungsweise prägt denn auch den Titel der Ausstellung: NormenWerk

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