Thomas Mank Gestalter

Das Arbeitszimmer

Dieser Text ist eine der Kurzerzählungen, verfasst auf der Grundlage der Arbeitshefte von W.-D. W. aus dem Jahr 1970.

„Er ist der eigentliche innere Gesprächspartner meiner geistigen Welt, auch wenn die Ansichten über diese in Einzelheiten divergieren“

W.-D. W. , aus: Außer mir. S. 109

Im Grundriss

Das zweistöckige Pfarrhaus war im 18. Jahrhundert erdacht und auf der Anhöhe etwas unterhalb des Schlosses angelegt worden. Der auffällig spitz zulaufende rote Giebel und die weiß getünchten massiven Steinwände spiegelten die herrschaftliche Architektur. Im quadratischen Grundriss konzentrierte sich dagegen der geistliche Anspruch des Ersten Standes. Als Bauwerksensemble überragten beide vorderseitig eine abschüssige Hügellandschaft und rückseitig die übrigen Häuser und Höfe. Die gleichmäßige Ost-Westausrichtung sämtlicher Gebäude erweckte aus der Ferne den Eindruck, als ob sich das Kirchdorf in einer einzigen Bewegung über die Landschaft ausbreiten sollte.Das Pfarrhaus war Anton schon beim ersten Besuch als ein idealer Ort aufgefallen, um sich hier ein Leben als schreibender Künstler einrichten zu können. Rückblickend fragte er sich bisweilen, ob die Verwirklichung dieses Traums nicht sogar einer der Gründe für die Heirat mit Sophie war, der Tochter des Schlossherrn. Spätestens nachdem im Zuge einer Gemeindereform die geistliche Betreuung und somit die Pfarrstelle ausgelagert worden war, hatte der feudale Schwiegervater, zugleich Bundestagsabgeordneter der CSU, seinen nicht geringen Einfluss auf die Kirche verwendet, um der jungen Familie das Haus samt Nutzung eines weitläufigen Gartens auf 99 Jahre zu verpachten.

Anton hatte das Arbeitszimmer im ersten Stock eingerichtet, sein Schreibtisch stand unter dem mittleren von fünf Fenstern mit freiem Blick über die Kulturlandschaft. Deren fast schon grafische Aufteilung in Strukturen landwirtschaftlicher Flächennutzung und Einheiten kleinerer Wirtschaftswälder erschien ihm insbesondere in den Wintermonaten wie eine Zusammenfassung seiner inneren und äußeren Ordnung.

Derart positioniert empfand er sich in den glücklichen Momenten des Arbeitens bisweilen wie auf der messerscharfen Kante einer imaginierten Achse sitzend, der entlang er die feinen Linien seiner Gedanken mit dem Füllfederhalter in Worten gleichsam nachzeichnete. Tatsächlich nahm er für sich von je her in Anspruch, ein visuell denkender Mensch zu sein, dem die Wandlung seiner Visionen in sprachliche Konstruktionen ebenso unerklärliche Notwendigkeit wie große Anstrengung bedeutete.

Schon früh hatte er sein eigentliches Talent darauf verwendet, die Eigenheiten und Verhaltensweisen von Menschen seiner Umgebung zu studieren. Die sorgsam geführten Notizen füllten zahlreiche Schreibhefte und waren ein Fundus für die Entwürfe von Kurzgeschichten und Romanen.

Spätestes mit der Fortsetzung seiner vielversprechenden Karriere als Oberarzt der Psychiatrie war ihm dieses Schreiben und die Vorstellung eines Lebens als freier Künstler zum festen Bestandteil einer geheimen anderen Identität geworden.

Der Schreibtisch

Am 16. Januar 1970 saß Anton am Schreibtisch und seine Gedanken verloren sich im Anblick der verschneiten Landschaft, die das frühabendliche Licht eines zunehmenden Mondes bereits in knochenweiße Reflexionen zerlegt hatte. Der nächste Autobahnzubringer oder gar eine größere Ansiedlung waren zu weit entfernt, um sich als Widerschein bemerkbar zu machen. Die kleine Durchgangsstraße zum Schloß führte zu dicht am Haus vorbei und eine eigenständige Straßenbeleuchtung gab es nicht. Spätestens mit Einbruch der Dunkelheit waren auch die Kinder verschwunden, die auf dem nahegelegenen Weiher Schlittschuh liefen; die Landwirtschaft ruhte allenthalben in dieser tiefsten Phase des Winters.

Es herrschte absolute Stille, bisweilen durchbrochen von Geräuschen aus anderen Räumen, deren lauteste durch die dicken Wände des alten Hauses lediglich wie aus weiter Ferne zu ihm durchdrangen, obgleich das Wohnzimmer direkt nebenan lag. Heute war der neunte Geburtstag seines ältesten Sohnes Marko. Nach einem gemeinsamen Mittagessen auf dem großelterlichen Schloß mit anschließendem Spaziergang hatte sich Anton erneut in das Arbeitszimmer zurückgezogen, denn es war Freitag und er glaubte noch arbeiten zu müssen. Die Kinder waren auch an diesem besonderen Tag angehalten, ihn dort nicht zu stören. Wie sooft übernahm Sophie deren Betreuung allein, heute nicht nur ihrer vier eigenen, sondern auch die der kleinen Gäste, die kurz darauf nacheinander kostümiert eintrafen, denn Markos Geburtstag wurde wie jedes Jahr als Faschingsfest gefeiert. Anton würde sich zur Verabschiedung noch einmal zu ihnen begeben, auch um dann die anderen Eltern zu begrüßen, wenn sie ihre Kinder abholten.

In der Nacht zuvor hatte er schlecht geschlafen und am Morgen im Rasierspiegel an den beiden Seiten seines markanten Kinns die ersten Andeutungen jener Verdickungen entdeckt, die er als ausgeprägte Höcker bereits von der Physiognomie des Vaters kannte. Eine Familieneigenschaft also, nunmehr bereit, auch an ihm langsam zu wachsen, um mit den kommenden Jahren das harmonische Oval seines Gesichts zu einer müden Kurve herabzuziehen. In der Mitte seines vierzigsten Lebensjahres hatte er offensichtlich die Schwelle zwischen Jugend und Alter erreicht.

Anton dachte an seinen Sohn Marko, der heute neun Jahre alt geworden war. Der Abstand zwischen dessen Geburt und seiner Schwester Kathy betrug nur ein Jahr und wäre es nicht zu einer Fehlgeburt gekommen, dann würde zwischen Marko und seinem jüngeren Bruder Gabi auch nur etwas mehr als ein knappes Jahr liegen. Die Kinder waren rasch gezeugt, Kathy schon im Jahr der Hochzeit. Anton betrachtete die Familie und seinen Nachwuchs mit großer Zuneigung, aber auch mit einer im selbst nicht näher erklärlichen Distanz. Vielleicht weil die große Familie ausdrücklich Sophies Wunsch war und ist, dem er bereitwillig Folge leistete, aber auch, weil er in Bezug auf das Ausleben von Gefühlen seinem eigenen Vater ähnlicher war, als es ihm bewußt war. Erst der Umgang mit den Kindern hatte ihm selbst vor Augen geführt, wie stark das Band zwischen Vater und Sohn wirklich ist.

Natürlich hatte er insbesondere während der Heidelberger Zeit und der intensiven Auseinandersetzung mit den unmittelbaren Folgen der Psychiatrie im Nationalsozialismus auch über Geschlechterrollen und das Erbe der Väter nachgedacht, auch im unmittelbaren Bezug auf sich selbst. Zwar konnte er sehr wohl an sich eine Veränderung feststellen; er ging anders mit Kindern um, als seine Eltern, insbesondere der Vater, noch mit ihm und seinen Geschwistern umgegangen war. Und doch gab es Ähnlichkeiten im Verhalten, das so tief verwurzelt war, dass es den Selbstreflexionen nicht nur widerstand, sondern zunächst weitgehend verborgen geblieben war. Erst spät wurde Anton bewußt, dass er seinen Kindern ebenso fern wie allmächtig erscheinen würde, wie es sein Vater lange für ihn gewesen war. Ebenso wie dieser verbarg er sich den überwiegenden Teil des Tages hinter seiner Arbeit. In Heidelberg war dies selbstverständlich, denn er ging frühmorgens in die Klinik, um dort seine 10 Stunden zu arbeiten. Bei seiner Rückkehr schliefen die Kinder bereits. Aber hier, in Tunzenberg, war seine Abwesenheit Teil der eigenen Inszenierung. Den Kindern war es verboten, ihn tagsüber zu stören, und sie bekamen ihn auch nur entsprechend selten zu Gesicht. Allerdings führten die Kinder, insbesondere Marko und Kathy, bereits ein eigenes, ausgeprägtes soziales Leben mit den jeweiligen Schulen, für die sie morgens abgeholt wurden, und ihren Freunden im Dorf. Tatsächlich war Anton bereits der Gedanke gekommen, dass sich nunmehr das Verhältnis zwischen Vater und Kindern gleichsam umgekehrt hätte; ging er früher ausser Haus, um spät heimzukehren, waren es nun die Kinder, die tagsüber unterwegs waren.

Auch wenn sich Anton über diese gekreuzte Entwicklung bisweilen wunderte, blieb das hierarchische Gefälle, das der Familie naturgemäß, wie er dachte, davon unberührt. Insofern konnte er sich über die neuen Verhältnisse durchaus amüsieren, aber die Rollenverhältnisse blieben unangetastet. Das war im Grunde auch die Voraussetzung dafür, dass sie sich in der alten Abtei hatten einrichten können. Im Grunde lebte er seinen Traum, der auch weiterhin nicht infrage gestellt wurde. Der Geburtstagslärm erinnerte ihn für einen Moment daran, dass Marko nun in einem Alter war, in dem er beginnen würde, sich an den Vater erinnern zu können.

Als Anton in Markos Alter war, war sein eigener Vater so alt, wie er selbst jetzt, also Ende dreißig. Ob Marko sich später in ähnlich diffuser Weise an ihn erinnern würde?

Wohlanständigkeiten

Es war immer das Geklingel seines Schlüsselbundes, das den den Besuch des Vaters ankündigte, wenn er zwei Stufen auf einmal nahm, um einen Blick ins Kinderzimmer zu werfen. Er blieb nicht lange, spielte nicht mit dem Kind, auch wenn es krank war. Stattdessen zeigte er dem Kind jedesmal die übrigen Utensilien, die er in der Jackentasche bei sich trug: Geldbeutel, Kamm, ein kurzes silbernes Messer, sie wirkten immer neu und unbenutzt. Das Taschentuch war blütenweiß und unzerknittert. Die Hände gepflegt, mit offensichtlichem Wert auf die Sauberkeit der Fingernägel. Er roch stets nach Kölnischwasser und den Orientzigaretten Marke Nil.

Mit Ende 30 war der Vater schlank, trug die schönen schwarzen Haare zur exakten weißhäutigen Linie gescheitelt und die imposante Nase im ovalen Gesicht zwischen den blauen Augen. Sein milder Blick verriet gewisse Zerstreutheit, hielt nichts fest, beobachtete versonnen, schien dabei nach außen und innen zugleich zu schauen, beständig überrascht von Einsichten, die er nicht mitteilte. Es war dieser abwesende Blick, der Anton als Kind auf den Gedanken gebracht hatte, sein Vater wäre womöglich gar nicht sein Vater und er vielleicht doch von fürstlicher Herkunft. Tatsächlich mochte der Vater lediglich keine Unterhaltungen, blieb am liebsten ungestört und las. Er las unaufhörlich, behielt alles für sich und was er dachte war bestenfalls zu erahnen.

Den Tag begann der Vater frühmorgens pünktlich. Zu Fuß ging er in die familieneigene Fabrik und sortierte zunächst die Post. Rundgänge im Werk und die Auseinandersetzung mit den Arbeitern waren ihm ein Gräuel. Lieber sprach er im Kreisrat der Handelskammer, auch hier bedacht auf Ausgleich und Gerechtigkeit. Nach Tisch legte er sich eine halbe Stunde aufs Ohr, wie es auch sein Vater schon getan hatte und wie er auch im Grunde dessen Auffassung teilte, das Leben vor allem als Pflicht und beständige Einübung in Wohlanständigkeit zu verstehen. In Treue fest hieß die gemeinsame Losung.

Tatsächlich schätze er zugleich die Ansicht des französischen Moralisten Luc Clapier de Vauvenargues, dass große Gedanken nur dem Herzen entspringen können; wer große Ziele habe, tue gut daran, seine Leidenschaften nicht zu unterdrücken, sondern sie – wie es später Nietzsche schreiben sollte – als „Wildwasser der Seele“ in ihrer Dynamik nutzbar zu machen. Frei nach Vauvenargues war der Vater also davon überzeugt, dass erst die Leidenschaften dem Menschen die Vernunft lehrten und dass deshalb den Leidenschaften die besten Vorzüge des Geistes zu verdanken seien. In der Tat hatte er ein gutes Herz und einen klaren Verstand, aber es versäumt, zwischen beiden rechtzeitig die notwendige Verbindung herzustellen, die ihn womöglich frei gemacht hätte vom Gehorsam gegen den eigenen Vater, der stattdessen in ihm weiter lebte. So blieb er letztlich dabei, jedes Risiko zu vermeiden und keinen Fehler zu machen. Damit beschäftigt beging er den größten aller Fehler und vergaß, mit seinem eigenen Sohn Freundschaft zu schließen.

Von all dem wußte Anton nichts, spürte aber, dass sein Vater ihn mochte und es nur nicht wagte oder konnte, ihm dies zu offenbaren. Einmal in all den Jahren der Kindheit hatte der Vater ihn aus Versehen in den Arm genommen, als sie sich zufällig auf der Kellertreppe begegneten, nach seiner Rückkehr von einer Geschäftsreise.

Auf musikalischem Gebiet konnte sich Anton mit dem Vater dagegen sogar ohne Worte verständigen. In Konzerten schauten sie sich öfter an, was sie sonst nie taten, denn beide gleichzeitig bemerkten jeden Fehler der Musiker und litten gemeinsam unter falschen Tönen oder zu raschen Tempowechseln. Letztlich aber war des Vaters Harmoniebedürfnis durch die ständig gefährdete Balance zwischen Pflicht und Gefühl gestört; sie zu halten verbrauchte seine ganze Kraft. Briefe an Anton unterschrieb er mit: Dein getreuer, Dein besorgter, später auch Dein alter und getreuer. Niemals aber: Dein auf Dich stolzer oder Dich liebhabender. Der Vater sagte: von Erziehung halte ich gar nichts, vom Händewaschen sehr viel.

Klassifizierungen

Ebenso wie Antons Mutter ging auch Sophie ging ganz auf in der Rolle als Hausfrau und Mutter, zudem galt ihre Leidenschaft in den wärmeren Jahreszeiten dem Garten, den sie im Laufe der letzten drei Jahre in ein vielfältig bewachsenes Paradies verwandelt hatte. Sie besaß die Eigenschaft, Pflanzen durch ihre bloße Gegenwart gedeihen zu lassen und sie verwendete viel Zeit darauf, jede mit dem passenden lateinischen Namen klassifizieren zu können.

Wenn Anton nicht schreibend produktiv war, arbeitete auch er an der Verschönerung des Anwesens, zumal er häufig zu Lesungen einlud und Sophie gerne Gartenfeste veranstaltete. Erst im letzten Jahr hatte er dafür die ursprünglich einfache Laube zu einem regelrechten Pavillon um- und den rückseitigen Ausgang des Hauses zu einer mehrstufigen Terrasse ausgebaut, auf der sich nun sitzen und vortragen ließ. Allen Freunden sichtbar hatte diese Art der handwerklichen Arbeit aber auch nebenbei die Aufgabe, ihn selbst und die Anderen über seine häufigen Schreibblockaden hinwegzutäuschen, die er selbst zunächst als Faulheit empfunden hatte.

So erwuchs ihm in dem Anwesen eine doppelte Bedeutung; jeder zusätzliche Ausbau, der den Anderen den Erfolg seiner Unabhängigkeit demonstrieren sollte, tatsächlich aber nur von den finanziellen Rücklagen seiner wohlhabenden Frau finanziert werden konnte, wurde für Anton zum Beleg seiner zunehmend existenziellen Angst. In diesen Stunden und Tagen voller Selbstzweifel drohte er aus dem produktiven Prozess herauszufallen und es verbrauchte seine ganze innere Kraft, gegen die Versuchung des bequemen Scheiterns anzukämpfen. Auch wenn Sophie seine Entscheidung, als freier Schriftsteller zu leben, voller Überzeugung mittrug, wäre der Entschluss, wieder als Arzt in die Klinik zurückzukehren, der übrigen Umgebung wohl allenthalben respektabler erschienen als dieses Schreiben, dieses Fürsichsein, dieses von Satz zu Satz sich vorkämpfen, nur um jeden Tag aufs Neue mit nichts anderem zu bestreiten als mit den eigenen Worten.

Während ihm früher das Schreiben immer eine reine Tätigkeit gewesen war, die ihm Vergnügen und Wohlbehagen vermitteln konnte, begriff er nun, dass es tatsächlich harte Arbeit war, jene Unverwechselbarkeit im Ausdruck zu erreichen, die ein gutes Kunstwerk auszeichnete. Er erkannte in den schmerzhaften Phasen selbstkritischer Reflexion den angemessenen Preis für sein hartnäckiges Streben nach Einzigartigkeit, die sich offenbar nur im Widerstand gegen sich selbst erreichen ließ. Er richtete sich auf an der Erkenntnis, dass derjenige, der ein kreativer Mensch sein wollte, aber an seinem Verfall und am Vergehen der Zeit nicht zugleich leide, auch nicht jene geistige und künstlerische Beständigkeit erreichen könne, die letztendlich als unverwechselbares Element eines vollendeten Werkes notwendig war.

In dem er tatsächlich immer wieder aufs Neue an seiner Unfähigkeit zur konzentrierten Schreibarbeit litt, bis er es wirklich kaum noch aushalten konnte, waren es genau diese Qualen, die ihm die Autorschaft legitimierten, ohne dass er dafür eine einzige Zeile veröffentlicht haben musste. So gelang es ihm, sich allmählich in einer Art Doppelexistenz einzurichten, in der die drohende Gefahr des Scheiterns zum Beleg seines einzigartigen Könnens und das schlechte Gewissen zur Routine eines notwendig schmerzhaften Schaffensprozesses wurde, während er zugleich das Bild des Künstlers als fürsorglichen Familienvater und hochgebildeten Gastgeber auf der Bühne einer kultivierten Umgebung inszenierte.

So wurden ihm auch seine Lesungen vor Freunden und Familie zum Anlass inneren Leidens, etwa wenn er nach einem zweistündigen Vortrag neuer Texte unterstellte, dass die Zuhörenden aus Unverstand höflich sein wollten und seine Arbeit mit aktuellen zeitgenössischen Werken verglichen. Immer wieder traf sein innerer Zorn in dieser Weise Sophie, der er jedes Verständnis absprach und somit auch die Fähigkeit zu beurteilen, was ein gutes Werk auszeichne. Ihre Komplimente konnte er deshalb nur als Kränkung verstehen, das Lob aus ihrem Mund erschien ihm in seinen Ohren geradezu obszön, wenn sie eine Rezension aus dem Feuilleton zitierte, ohne das entsprechende Werk selbst gelesen zu haben.

Er selbst war bemüht, immer auf dem aktuellen Stand der Neuerscheinungen zu sein, auch um sich durch die Auseinandersetzung mit den erfolgreichen Arbeiten anderer den Anschein von Produktivität zu geben. Tatsächlich war es ihm zur Gewohnheit geworden, für sich selbst ausführliche Rezensionen zu verfassen und sie anstelle anderer Texte in sein Tageswerk einordnen. Derartiges zu verfassen fiel ihm leicht, und er hatte sich darauf festgelegt, dass auch solche Betrachtungen Teil seines schöpferischen Denkens seien und somit zum Werkbestand gehören müssten.

Meistens also hatte er sein Urteil längst formuliert und durch Sophies vergleichendes Lob fiel es auf ihn zurück. Aber das konnte sie natürlich nicht wissen.

Im Widerschein

Für einen Moment lang hob Anton aus der Anspannung seiner Erinnerung heraus den Kopf und betrachtete jetzt die Reflexion seiner Umrisse, wie sie sich im Widerschein der Schreibtischlampe auf der nachtdunklen Fläche des Fensterglases abzeichneten, in einer Achse mit der Spiegelung der Bibliothek hinter ihm und draußen den hellgrauen Schatten der Felder. Beim Anblick dieser eigentümlichen Collage aus innerer und äußerer Welt sah er sich selbst im Brennpunkt einer Parabel als einer deren Verlauf er nicht erkennen konnte. Eine Bewegung mit ungewissem Ausgang.

Thomas Mank Gestalter

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