Tunzenberg

Ein Buch- und Filmprojekt als Collage auf der Grundlage von 250 Tage- und Arbeitsbüchern des Münchner Psychiaters Wolf-D. W., die geschrieben wurden zwischen 1960 und 2015.

Die Selbstzeugnisse

W.s Vermächtnis umfasst zahlreiche Selbstzeugnisse als Tagebücher und Arbeitshefte, die älteren bis einschließlich 1970 im DIN A5 und blauem Umschlag, ab 1981 im DIN B5 Format mit wechselnder farbiger Marmorierung. Hinzu kommt ein zweites Konvolut überwiegend maschinengetippter Manuskripte, vornehmlich Gedichte und vollständigen Bearbeitungen von zwei Büchern. Dazu Skizzen, handschriftliche Notizen und Korrektur- sowie Sicherungsexemplare.

Das Konvolut der Selbstzeugnisse teilt sich zunächst in zwei Blöcke; 44 Schul- und Schreibhefte aus der Zeit zwischen 1949 und 1959 und 97 Heften aus der Zeit zwischen 1970 und 2014. Dazu kommen einige undatierte Notizbücher, Ergänzungen und Skizzen.

Insbesondere die Hefte von 1949 bis 1968 sind vor allem Beobachtungen, Selbstbeobachtungen, Werkstudien sowie ausführlichere Szenen zu Romanversuchen, darunter auffällig ein geplantes Werk mit dem Titel »Anton« bzw. »Antons Brüder«.

Die schließlich lebenslange, mehr oder weniger kontinuierliche Tagebucharbeit beginnt mit dem Heft 1970, das explizit als solches begonnen wird in der Absicht, über die Werkskizze hinaus Alltagsbeobachtungen und Gedanken festhalten zu wollen, als Nachschlagewerk für eigene, spätere Arbeiten, aber auch als Zeitzeugenschaft für kommende Leser.

Da die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben für diese und die kommenden Hefte hier sowohl programmatisch als auch stilistisch vorgeben und ausgeführt wird, sind diese drei Hefte im gesamten Konvolut besondere, bilden sozusagen den Höhepunkt und gewissermaßen des Messers Schneide jenes Lebens, das W.-D. W. wenig später komplett verändert.

Familienbild. Fotografiert von der Mutter. Tunzenberg 1970

Unterstrichen wird diese Sonderstellung der Tunzenberg-Zeit von 1970 durch das Fehlen der nachfolgenden Hefte aus der Zeit von 1971 bis 1981. Sie sollten existiert haben, denn Wolf-Dieter W. verweist im Heft 1981 auf Inhalte eines Heftes aus dem Jahr 1978.

Die fehlenden Hefte könnten entweder im übrigen Nachlass gefunden werden oder wurden absichtlich vernichtet. Das Motiv für eine mögliche Vernichtung könnte die außerordentlich intensive Zeit sein, die darin wahrscheinlich beschrieben wurde und die Ehetrennung, ihre Folgen, den Beginn der neuen, gleichgeschlechtlichen Partnerschaft und die wohl traumatische Ablehnung seines ersten Romans »Außer mir« durch einen Verlag umfasst.

Sämtliche Schreibhefte wurden mit der Hand verfasst, die jeweils ca. 80 Seiten sind zum überwiegenden Teil nahezu vollständig genutzt. Einige Hefte enden bereits nach wenigen Seiten. Statistisch gesehen kommt die geschätzte Gesamtmenge dieses handschriftlichen Konvoluts auf mindestens 7000 Textseiten.

Über die Jahre und Jahrzehnte wiederholen sich in dem Kernkonvolut der Zeit von 1970 bis 2014 mehrere markante persönliche Motive: Die immer wieder erneuerte Bedeutung des Schreibens und damit verbunden eine Identität als Autor, nahezu traumatische Qualen, die sich mit dem Schreiben, langen Schreib- und Arbeitsblockaden und Ablehnung der Texte verbanden, Angst vor Vergleichen mit bewunderten Vorbildern oder Kollegen, den unausgesprochenen Verurteilungen seiner Texte ebenso wie seiner gleichgeschlechtlichen Lebensweise durch Freunde und Angehörige, Angst vor Entlarvung als vermeintlicher Hochstapler, finanzielle Sorgen und die emotionale Last, die sich aus der Arbeit mit den Patienten ergaben.

Dazu immer wieder Alltagsbeobachtungen, Beschreibungen von Begegnungen und Gesprächen mit Freunden, Reisenotizen, familiäre Auseinandersetzungen und das Verhältnis zu den Kindern, insbesondere zu Marko, aber auch Sophie. Eine besondere Rolle nimmt der neue Lebensgefährte A. ein, über den zunächst durchaus distanziert geschrieben wurde, bis dessen Erkrankung das gemeinsame Leben dramatisch erschüttert und schließlich der Tod endet.

Die späteren Jahre sind von zunehmender Melancholie geprägt, durchbrochen immer wieder von Versuchen des inneren Neuanfangs als Autor. Noch die letzte Seite aus dem Jahr 2014 beginnen mit dem Appell an sich selbst, aufs Neue als Autor zu schreiben, wie überhaupt negative Selbstkritik auf der einen und selbstmotivierender Appell auf der anderen Seite sich als Leitmotive in sämtlichen Aufzeichnungen wiederfinden.

Insbesondere in den frühen Tagebüchern finden sich neben den Beobachtungen des Alltags und der Selbstreflexionen auch kurze, offensichtlich autobiografische Erzählungen, Beobachtungen und Erinnerungen, geschrieben bisweilen in der dritten Person sowie ausführliche kritische Auseinandersetzungen als regelrechte Abhandlungen mit den Arbeiten anderer Autoren.

Die Manuskripte

Während die Schreibhefte nahezu die ganze Lebensspanne von W.-D. W. abbilden und mit dem Heft 1970 explizit als Notiz- und Tagebücher geführt wurden, bestehen die Manuskripte aus maschinengetippten Entwürfen bzw. die fertigen Exemplaren von drei Büchern, ergänzt durch handschriftliche Notizen, Korrekturen, Anmerkungen und Strukturierungen. Dazu kommen zahlreiche Gedichte, kurze Aufsätze und Kurzgeschichten.

An diesen Manuskripten lassen sich besonders gut die Arbeitsweise, Strukturmethoden und auch inhaltlichen Absichten der Wiest’schen Autorschaft herauslesen; damit ergänzen sie die Tagebücher, die ihrerseits immer wieder Textfragmente, kleine Skizzen und Entwürfe zu den geplanten Werken enthalten und sie dadurch im biografischen Kontext einordnen lassen.

Kopf. Zeichnung vom Enkel Anton W., 2017

Mindestens ein geplanter Roman aus den 50ern ist nicht über das Studium der handschriftlichen Entwürfe hinausgekommen, er trägt den Titel „Anton“. Allerdings ist es einer genauen Prüfung der Manuskripte vorbehalten um herauszufinden, ob sich Motive und womöglich ganze Passagen in anderen Entwürfen wiederfinden lassen. Der Name »Anton« wurde darüber hinaus auch als autobiografisch inspirierte Figur in kurzen erzählerischen Miniaturen im Tagebuch 1981 verwendet.

Ein erster, unvollendeter Roman findet sich unter den Manuskripten und Form von Beobachtungen und Beschreibungen, vornehmlich aus dem Klinikalltag aus den 50er Jahren, hier noch handschriftlich verfasst.

Der erste vollständige Roman trug ursprünglich den Titel »Der Freundschaft ihren heiligen Namen zurückgeben«, wurde aber dann umgeändert in »Außer mir«. Die Arbeit an diesem Roman erwähnt Wiest bereits im Tagebuch 1970. Die Veröffentlichung dieses Romans gelang nicht.

Für das zweite, nunmehr autobiografische Buch, dass dann auch veröffentlicht wurde, verwendete Wolf-Dieter W. den Titel »Außer mir« erneut, erschienen 1996 im Eichborn-Verlag. Das Manuskript-Konvolut enthält dazu das Typoskript, die Korrekturen, Korrespondenzen sowie Kritiken und Veröffentlichungen.

Ein unveröffentlichtes drittes Buch mit dem Titel »Beiseite gelegt« aus den Jahren 2004/2005 liegt als ausgearbeitetes Manuskript vor.

Neben diesen zentralen Texten finden sich im Konvolut der Manuskripte auch Texte über das Alter sowie frühe, noch handschriftliche Romanteile, die Figuren und Beobachtungen aus dem Klinikalltag beschreiben.

Montage und Literarisierung

Das gesamte Material ist ein mehr als beeindruckendes Zeugnis nicht nur eines selbstbewusst und selbstbestimmten gelebten Lebens, sondern zugleich auch über eine lange Zeit ineinander und auseinanderentwickelt. Neben dann unzähligen Ereignissen und Gesprächen, die geschildert werden, ist es das Gespann ständigen Zweifels und ständigen Neuanfangs, das sich leitmotivisch durch dieses Lebenswerk hindurch zieht.

Die zwei bzw. drei Hefte 1970 abbilden nach wie vor eine wichtige Achse, sind gewissermaßen des Messers Schneide, an dem das Leben in zwei Teile zerfällt. Ein Bruch der Existenz, der umso deutlicher ist, weil die darauffolgenden Hefte, welche die Ereignisse des Umbruchs wohl dokumentieren, fehlen. Umso deutlicher wie der Kontrast zwischen dem „alten“ und dem „neuen“ Leben sichtbar.

1970 ist das alte Leben auf der Höhe der Möglichkeiten, die familiäre und gesellschaftliche Idylle perfekt und in Einklang mit einer gelebten landschaftlichen Idylle; doch zugleich kündigen sich hier jene Selbstzweifel und Ängste an, die wie dunkle Flecken vor der Sonne kommende Stürme anzeigen.

Deshalb möchte ich jene 1970er Hefte zu einer konsentierten, dramatisierten und poetisch ausgeführten Basiserzählung ausbauen, in die immer wieder an den entsprechenden Marken Ausschnitte aus den kommenden, aber auch alten Tagebüchern eingefügt werden, so dass insgesamt eine Montage entsteht, die sich an den zentralen Motiven und Ereignissen des Wolf-Dieter W. ’schen Lebens entlang entwickelt und zugleich aus der Kraft seiner Sprache jene Positionen und Problematiken authentisch abbildet, die so viele Menschen ein Leben lang beschäftigen.

Thomas Mank

Seit mehr als 25 Jahren arbeite ich als Künstler und Gestalter. Auftragsarbeiten profitierten – und profitieren – dabei von den freien Projekten und umgekehrt.

2004 gründete ich mit »Kultursysteme« meine Plattform für die Konzeption, Gestaltung und Produktion von Medienkunstprojekten.

Die Werkräume des Ateliers »Dipl.-Des. Thomas Mank« befinden sich seit 2007 im Brückenhaus, dem Zentralbau der „Weißen Stadt“, einer der fünf Siedlungen der Moderne in Berlin.

Neueste Beiträge