DomRömer – der gebaute Diskurs Treatment

Zwischen 2012 und 2018 wurde auf dem Gebiet zwischen Römerberg und Domplatz die Neue Frankfurter Altstadt zunächst als „Dom-Römer-Projekt“ gebaut. Unter der Mitwirkung von 56 Architekturbüros entstanden 15 Rekonstruktionen und 20 Neubauten.

Mit dem Film will ich die Neue Frankfurter Altstadt dokumentieren und beschreiben, wie aus Ideen, Normen, Kompromissen und schließlich Entscheidungen ein städtebauliches Großprojekt entsteht.

Ergänzend möchte ich am Beispiel der konkreten Arbeit eines der beteiligten Architektenbüros die komplexen gestalterischen und organisatorischen Vorgänge darstellen, die für das Zustandekommen von Architektur notwendig sind.

Gesprächsporträts

Man muss mit besonderen Gestaltungselementen für Identifikation sorgen. Man muss sich mehr Mühe mit den Details geben.
Michael F. Guntersdorf, Geschäftsführer der DomRömer GmbH

Als Dokumentation sollen mit dem Film die unterschiedlichen Positionen sichtbar gemacht werden, durch die das Dom-Römer-Projekt zustande gekommen ist. Dazu werden die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker, beteiligte Bürgerinnen und Bürger sowie Befürworter und Gegner des Projekts in einzelnen Gesprächen befragt. Für die absehbare Vielzahl gesprochener Informationen sollen „Gesprächsporträts“ die Befragten nicht nur zu Wort kommen lassen, sondern sie in ihren jeweiligen Umgebungen erkennen und darstellen.

Beispiel: DomRömer GmbH, Bauherrin des Projekts. Die Büros sind in einem der wenigen barocken Gebäude Frankfurts am Liebfrauenberg eingerichtet und befinden sich damit im Mittelpunkt der nördlichen Altstadt, im Zentrum Frankfurts.

Die Räumlichkeiten im mittleren Stock beherbergen zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; ein ausführliches Gespräch mit dem Geschäftsführer und Leiter des Projekts findet in einem leeren Konferenzraum statt.

Michael F. Guntersdorf sitzt mit dem Rücken zum Fenster. Im Ausschnitt sind Teile der Fassade der unmittelbar benachbarten Liebfrauenkirche und ihrer angegliederten Gebäude zu erkennen. Sie wirken wie die Hintergrundkulisse für das Gespräch.

Das Bild erinnerte ikonografisch an die Darstellung eines spätmittelalterlichen Patriarchen oder vornehmen Frankfurter Bürgers, der sich seiner Bedeutung und Integrität gegenüber jeder Beeinflussung durch da politische Tagesgeschäft sicher ist. Für den Geschäftsführer eines derart bedeutenden Vorhabens, das im Fokus von Politik und kritischer Öffentlichkeit steht, eine grundlegend wichtige Vorrausetzung.

Diese Inszenierung an einem exponierten Ort, in einem großen leeren Raum auf einer ansonsten dicht belebten Büroetage zwischen Mitarbeitenden, die trotz zweistündiger Gesprächsdauer nicht unterbrechen unterstreicht die Bedeutung, die der DomRömer GmbH, dem Vorhaben und der Person des Geschäftsführers beigemessen wird.

Im konkreten Gesprächsporträt wird die visuelle Setzung aufgegriffen und herausgearbeitet. Für die Recherche bedeutet das, die Persönlichkeiten, die befragt werden sollen, zunächst in ihrem Wirkungskreis kennenzulernen und dort auch zu dokumentieren. In einem Gesprächsporträt würde eine solche Setzung aufgegriffen und herausgearbeitet werden.

Vorbehaltlich der Recherche ist geplant, möglichst alle Befragten nicht nur in ihrer persönlichen bzw. Arbeitsumgebung aufzunehmen, sondern sie von dort jeweils in die Neue Frankfurter Altstadt filmisch zu begleiten. Für eine Person, die ein Büro im Rathaus hat, wäre der Weg ein sehr kurzer; für jemanden beispielsweise aus einer der am Entstehungsprozess beteiligten Bürgerinitiativen wäre der Weg wohl ein anderer und sehr viel länger; er oder sie käme buchstäblich von außen hinein. Auf diese Weise soll mit den Gesprächsporträts auch auf der visuellen Ebene das jeweilige Verhältnis zwischen der Person und dem Motiv der Befragung aufzeigt werden.

Medienarchitektur?

Unter dem Signum einer scheinbar unverfänglichen Reparatur und Verschönerung des Stadtraums ist ein identitätspolitischer Kulturkampf im Gange, der das bundesrepublikanische Geschichtsverständnis neu zu positionieren sucht.
Philipp Oswalt, Zeitschrift Merkur, 27. August 2018

Tatsächlich ist es schwierig, innerhalb der Neuen Altstadt einer manchmal fast schon aufdringlichen Nähe der Fassaden zu entkommen, um beispielsweise einen etwas größeren Abstand zum Gesamten einzunehmen. Das liegt einerseits an der dichten Bebauung auf vergleichsweise kleinem Raum, andererseits aber auch an der ungewöhnlichen Aufteilung der begehbaren Fläche, die, anders als moderne Anlagen, nicht auf einen mobilen Verkehr angelegt ist. Es fehlt damit die gewohnte Ordnung, wie man sie in den übrigen öffentlichen Flächen der Stadt überwiegend vorfindet. Das verstärkt unter Umständen den Eindruck, innerhalb der Neuen Altstadt Teil einer Inszenierung zu sein, gewissermaßen Statist einer Setzung, die der komplexen Architektur den Vorrang buchstäblich einräumt.

Diese Position, die den Besucherinnen und Besuchern sozusagen selbstverständlich zugewiesen wird, unterscheidet sich von beispielsweise der in einer Fußgängerzone oder einer Einkaufspassage, die in der Regel so angelegt sind, dass sich die Menschen auf immer gleichen Wegen sicher bewegen und von beispielsweise architektonischen Irritationen unbehelligt auf die Auslagen der Geschäfte fokussieren können.

Wiederentdeckung des Ortes

Es ist des Baukünstlers Aufgabe, eine Verschmelzung der Zeiten anzustreben.
Marc Jordi, Architekt, Bildhauer und Zeichner

Die Baumeister des Mittelalters waren Mauerer und Zimmerleute, keine Theoretiker und wussten als Christen, dass der säkulare Raum anders aussehen sollte als der sakrale. Dieser Unterschied wurde dadurch erzeugt, dass die säkularen Gebäude zu einem dichten, von engen und ineffizienten Straßen durchzogenem Gewirr verwuchsen, während die Kirchen mit Umsicht platziert, mit großer Sorgfalt gebaut und in ihrer Konstruktion und Wirkung genau berechnet waren. Dahinter stand keine stadtplanerische Theorie, aber im Ergebnis verlieh diese Anlage der Stadt eine konkrete Form.

In Frankfurt gibt es nicht nur den Dom als Symbol religiöser Macht, sondern auch das Rathaus als Symbol der weltlichen Macht eines freien Bürgertums. Auf der Fläche dazwischen erbauten die vornehmen Familien der Stadt ihre prächtigen Häuser. Der Krönungsweg, den die Könige und Kaiser nach Wahl und Krönung im Dom abschreiten mussten, sozusagen von religiöser zu weltlicher Legitimation, führte an diesen Bürgerhäusern vorbei.

So hatte Frankfurt für die Entstehung des deutschen Bürgertums große Bedeutung, bis in die Zeit gesellschaftlicher Konflikte hinein, die in Frankfurt mit besonderer Vehemenz und gewissermaßen stellvertretend für das ganze Land ausgetragen wurden: Studentenunruhen, Häuserkampf im Westend und die Auseinandersetzungen um die Startbahn West des Flughafens. Frankfurt wurde dadurch zum parteipolitischen Experimentierfeld der Republik, Frankfurter GRÜNE dominierten die Gründungsphase der Partei und gingen schließlich hier eine erste schwarz-grüne Regierungskoalition ein, die Ende der 80er Jahre den Wiederaufbau einer Fachwerkzeile am Römerberg beschloss, den Vorläufer der neuen Altstadt, der bereits eine nationale Architekturdebatte über Sinn und Zweck und auch Formen von Rekonstruktion und Restauration auslöste.

Später wurde auch in anderen Teilen Deutschlands mit der Wiederherstellung historischer Bauten begonnen. Soweit es sich um ostdeutsche Vorhaben handelte, ging es auch darum, die Geschichtspolitik der DDR zu korrigieren; prominente Beispiele sind die Rekonstruktion der Frauenkirche in Dresden und der noch unvollendete Neubau des Humboldt-Forums in Berlin, dem der heftig diskutierte Abriss des „Palasts der Republik“ vorausging.

Mit der Neuen Altstadt dagegen schließt sich der Kreis bzw. wird sich die jahrhundertealte Bebauung in neuer Form weitergeführt; deshalb sind die Gebäude mehr als nur eine Rekonstruktion, sondern vielmehr architektonischer Ausdruck einer ungebrochenen Stadtentwicklung, die letztlich auch die Phase der radikalen Moderne miteinschließt. Darauf Bezug nehmend haben Jordi & Keller Architekten in der Fassade von Haus 8 Betonreste des ehemaligen Technischen Rathauses als Spolien integriert, das für mehr als 30 Jahre dort gestanden hatte.

Insgesamt wurden bei fünfzehn Häusern die historischen Fassaden rekonstruiert. Zwanzig weitere Bauten orientieren sich in ihren äußeren Abmessungen und der Materialität ihrer Oberflächen ebenfalls an der historischen Bebauung, wobei für die Mehrzahl der Rekonstruktionen lediglich historische Fotografien und Handskizzen für ein 1926 erstelltes Holzmodell der Altstadt zu Verfügung standen. Die Rohbauten besehen, von den wenigen Fachwerkhäusern abgesehen, aus Stahlbeton und Industrieziegeln, die Ausstattung umfasst Fußbodenheizung mit Fernwärme, Dreifachverglasung, mechanische Lüftung, modern geschnittene, offene Wohnküchen, umfangreiche Sanitärräume und meist einen direkten Zugang zu den privaten Stellplätzen in der zugehörigen Tiefgarage. Technisch sind die Bauten weitgehend moderne Architektur.

Schon lange vor der Zerstörung durch Bomben und Nachkriegsmoderne waren die ursprünglichen Erbauer und Bewohner der Altstadt in angenehmere Stadthäuser gezogen, während ihre ursprünglichen Häuser auf dem begrenzten Raum der Altstadt immer enger aneinander und höher ausgebaut wurden, bis in einigen Gassen kaum noch das Tageslicht das Pflaster erreichte. Aus der privilegierten Wohnlage war Elendsviertel geworden, in dem sich die armen Menschen zusammendrängten. Kaum ein Bewohner dieser Altstadt dürfte sich eine Rekonstruktion dieser Verhältnisse gewünscht haben. Deshalb ist die Neue Altstadt über den Umweg der Nachkriegsmoderne auch tatsächlich eine Architektur, die das Neue nicht einfach an die Stelle des Alten setzt, sondern das Alte zum Neuen umwandelt.

Büro Jordi & Keller Architekten

2007 erhielt ich den Auftrag, für das Deutsche Institut für Normung DIN eine Dauerausstellung zum Thema Normung zu konzipieren und zu produzieren. Um den Normungsprozess zu visualisieren, entwarf ich eine begehbare Skulptur, die vom Büro Jordi & Keller Architekten umgesetzt und produziert wurde.

Das Architekturbüro wurde 1996 in Berlin von Dipl.-Ing. Arch. Susanne Keller und Arch. Marc Jordi gegründet. Zu ihren Tätigkeitsschwerpunkten zählen bauhistorische Studien im Rahmen von städtebaulichen Gutachten und von Neubauprojekten vor allem im sensiblen Bereich historischer Stadtzentren und archäologischen Grabungen, die Planung und Mitwirkung bei der Schaffung von Bauaufgaben aus dem Kulturbereich, Um- und Weiterbau von Bestandsgebäuden sowie die Konzeption und Umsetzung von Ausstellungen.

Für das Dom-Römer-Projekt entwarfen sie zunächst das Haus „Zu den drei Römern (Markt 40)“. Damit gewannen sie den internen Wettbewerb zum Bau von „Großer Rebstock (Markt 8)“ und somit den Auftrag, ein weiteres Gebäude zu entwerfen. Gewürdigt wurde damit nicht nur die Entwurfsarbeit, sondern auch die besondere künstlerische Haltung der beiden Architekten in Bezug auf den Umgang mit Geschichte als Vorrausetzung für eine neue Architektur. Ohne Rekonstruktionen grundsätzlich auszuschließen, sollte die Architektur weder zeit­los noch zeit­gemäß, sondern zeitübergreifend sein. Es geht den beiden Architekten dabei vor allem auch um das skizzenhafte Aufzeigen der großen epochenübergreifenden Entwicklungen regionaler Bautraditionen eines Gebietes, auf der Basis ihrer jeweiligen Ursprungsepoche.

Ein Ziel ihrer Arbeiten ist es, durch die Bezugnahme auf die Geschichte und Umgebung eines Ortes Rahmenbedingungen für eine vielschichtige Architektur zu schaffen, deren übergeordnete Aufgabe darin besteht, sich mit der bestehenden Umgebung harmonisch zu verbinden und mit den Mitteln architektonischer Erzählkraft einen Beitrag zum tieferen Verständnis eines Ortes zu leisten. Die individuelle Handschrift des Architekten zeigt sich dabei in der kompositorischen Zusammenführung und Verdichtung des zur Verfügung stehenden Themenmaterials zu einem neuen eigenständigen Ganzen.

Schluss

Die Recherche ist auf fünf Monate angelegt; begonnen werden soll die Arbeit im September und bis Februar nächsten Jahres als Filmbuch vorliegen, um damit in die Produktion des Films gehen zu können.

Alle Rechte liegen beim Autor.

Bilder der Aussenansichten: Jordi & Keller Architekten

Thomas Mank, Juni 2019