Das Unsichtbare begreifen
Auszug aus einem Gespräch von Thomas Mank mit Marc Jordi im Oktober 2019

Parallel zur Erstellung des DomRömer-Filmbuchs arbeitet Thomas Mank zur Zeit an einem Werkporträt von Jordi & Keller, das dann auch als eigenständiges Kapitel mit dem Titel »Die unsichtbare Stadt« ein Bestandteil des DomRömer-Projekts sein wird.

Der folgende Gesprächsausschnitt ist Teil einer Unterhaltung, die am 4. Oktober 2019 im Büro von Jordi & Keller stattfand.

Thomas Mank: Steht dein plastisches, bildhauerisches Arbeiten in Beziehung mit Eurer Architektur?

Mac Jordi: Es ist eine gegenseitige Inspiration. Tatsächlich denke ich, dass wir ohne die skulpturale Auseinandersetzung bestimmte Widersprüchlichkeiten in der Architektur nicht zusammenbringen könnten. Dort wird üblicherweise in Stilen gearbeitet, aber nicht in kunstvollen Verbindungen; genau dieses aber finden wir interessant. 

Eigentlich hat eine architektonische Form an sich schon etwas von akademischem Eklektizismus, denn die Stadt ist mittlerweile überfordert und voller Brüche, die man eigentlich nur gezielt zusammenfügen muss. Um die aber die Möglichkeiten zu erkennen und das zu verbinden, was eigentlich strenggenommen nicht verbunden werden kann, bedarf es dann einer Kunstform, durch die man nicht in einzelnen Stilen denkt, sondern in Hinblick auf das Ergebnis des Zusammenfügens.

Porträtstudie Jordi & Keller 01, 2019, Fotografie

TM: Mit Deinen Plastiken aus weichen Materialien begreifst Du also auch die Stadt, im wortwörtlichen Sinne?

MJ: Man spricht sowieso schon viel vom „Stadtkörper“ und einzelnen „Stadtbausteinen“, die meistens öffentliche Gebäude sind, die dann eine Sonderstellung einnehmen. Mir wird durch meine bildhauerische Arbeit eine solche Stadtplastik einfach aber nochmal unmittelbarer, gegenwärtiger; ich kann es als ein gewissermaßen „Fleisch der Stadt“ auf der materiell-plastischen Ebene tatsächlich berühren und so auch über die rein strukturelle Betrachtung hinaus verstehen. Oder zumindest sensibilisiert es mich zusätzlich.

Porträtstudie Jordi & Keller 02, 2019, Fotografie

TM: Wie bist Du darauf gekommen, die Stadt als eklektisches Gefüge mit den Möglichkeiten der künstlerischen Auseinandersetzung zu begreifen?

MJ: In der Schweiz hätte ich wohl etwas anders gearbeitet; denn dort wie andernorts sind physische Zeitschichten zwar im Stadtbild erhalten geblieben, aber werden kaum bemerkt. 

Dagegen hat gerade die deutsche Stadt ein einzigartiges Ausmaß an Zerstörung hinter sich, weil sie einerseits umfassend physisch vernichtet wurde, aber zugleich als geschichtliche Erinnerung weiterhin präsent ist. Die Archive sind zudem voll von Artefakten, was uns dann dazu geführt hat darüber nachzudenken, ob wir uns nicht mit jener gleichsam unsichtbaren Stadt auseinandersetzen sollten, statt uns auf das sichtbar Vorhandene zu beschränken.

TM: Kennst Du andere Architekten, die so in ähnlicher, unmittelbarer Weise vorgehen? 

MJ: Nein. Leider nicht.

Aus: Skizzen zum Filmprojekt »Werkporträt Jordi & Keller«

Porträtstudie Jordi & Keller 03, 2019, Fotografie


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